Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen

Der englische Soziologe beschreibt in seinem Essay den Zusammenhang von Flucht und Skepsis. Sein Buch möchte ich hier vorstellen.

Buchvorstellung


Manchmal reichen wenige Bilder in den Nachrichten, um Mitgefühl auszulösen – ein Boot voller Menschen auf stürmischer See, ein Kind in einer Rettungsdecke. Doch dieses Mitgefühl ist oft flüchtig. Warum fällt es uns so schwer, Geflüchteten wirklich zu begegnen? Zygmunt Bauman geht dieser Frage in Die Angst vor den anderen nach – und findet die Ursachen nicht bei „den Fremden“, sondern bei uns selbst.


Immer mehr Menschen fliehen nach Europa. Sie kommen aus Ländern, in denen Gewalt, Chaos und Gesetzlosigkeit das Leben unmöglich machen. Doch hier, wo sie Sicherheit suchen, stoßen sie häufig auf Skepsis und Ablehnung.

Bauman fragt: Warum tun wir uns so schwer mit ihnen?

Er beschreibt, wie rasch sich Vorwürfe formen: Geflüchtete könnten Krankheiten mitbringen, mit Terroristen verbunden sein, nur von den Sozialsystemen profitieren wollen oder Europa zum Islam bekehren. Solche Bilder schaffen Distanz – und lassen Mitgefühl erkalten.

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Bauman sieht die eigentliche Wurzel dieser Skepsis in uns selbst. Viele Menschen fürchten um ihren Arbeitsplatz, ihren Lebensstandard, ihre Sicherheit. Diese Ängste gab es schon lange, bevor Geflüchtete kamen – doch sie bieten ein sichtbares Ziel, auf das man Sorgen und Unsicherheiten richten kann.

In unserer Leistungsgesellschaft ist Misstrauen fast selbstverständlich geworden. Wir leben in einem ständigen Wettbewerb, in dem jeder „besser“ sein muss als andere. Fremde erinnern uns zusätzlich daran, wie zerbrechlich unser Wohlstand ist – und genau das wollen wir oft nicht sehen.

Die Politik verstärkt diese Entwicklung. Überfordert von den eigentlichen Problemen, lenkt sie die Angst der Menschen auf Themen, bei denen sich Handlungsstärke zeigen lässt – etwa den Kampf gegen Terrorismus. Wird Migration erst einmal mit Gefahr verknüpft, ist es leicht, Geflüchtete aus unserem moralischen Blickfeld auszuschließen. Sie werden zu „Sicherheitsproblemen“ statt zu Mitmenschen.

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Bauman kritisiert auch, dass wir uns in die Online-Welt zurückziehen. Dort können wir Andersdenkenden ausweichen, nur noch mit Gleichgesinnten sprechen – und so jede Gelegenheit verpassen, Verständnis aufzubauen.


Mein persönlicher Blick

Beim Lesen spüre ich: Ja, mir tun Geflüchtete leid. Doch ich muss mich fragen: Warum bleibt mein Mitgefühl meist auf der Ebene von Bildern in den Nachrichten? Warum habe ich so selten den Impuls, selbst etwas für ihr Ankommen zu tun? Will ich diese Fragen wirklich beantworten – oder beruhigt es mich schon, dass ich sie überhaupt stelle? Bauman zeigt mir, dass die Angst vor den Anderen oft auch ein Spiegel meiner eigenen Unsicherheiten ist.

Vielleicht beginnt alles damit, hinzusehen – und den Mut zu entwickeln, Fremden nicht nur in Gedanken, sondern auch im echten Leben zu begegnen.

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Veröffentlicht im Jahr 2016, hier gelesen in der 2. Auflage desselben Jahres. ISBN 978-3-518-07258-5

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