Wir befinden uns hier mitten im urbanen Raum. Der Park am Gleisdreieck ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Altes und Neues miteinander verbinden lassen.
Seit ich dieses Gelände zum ersten Mal sah – das muss in den Neunzigerjahren gewesen sein – ist es in ständiger Veränderung. Immer wieder verschwindet etwas, und Neues entsteht. Alte Schuppen werden abgerissen, die Hälfte eines Parkhauses verwandelt sich in ein Wohnhaus. Manche wünschen sich hier Hochhäuser, andere wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.
Es sind die Bahngleise, die diesen Park prägen. Oben kreuzen sich zwei Linien der Hochbahn, und jedes Mal frage ich mich, wie man eine Kreuzung eigentlich Dreieck nennen kann. Quer durch den Park rauscht der ICE nach München, der aus dem Tiergartentunnel kommt und hier an die Oberfläche tritt. Zwischen den Grünflächen liegen alte Schienen, die einst zum Anhalter Bahnhof führten – einem Ort, den es längst nicht mehr gibt. Am Rand des Parks grenzt das Außengelände des Technikmuseums, und die alten Yorkbrücken erzählen noch von früheren Zeiten. Hier draußen hatte auch der Künstler Ben Wagin sein Atelier.
In dieses historische Umfeld wurde Neues hineingesetzt: Rasenflächen, Spielplätze, Skaterbahnen, Beachvolleyballfelder und viele Wege, die von Menschen aus Kreuzberg und Schöneberg täglich belebt werden. Auch Radwege führen hindurch, und im Sommer findet hier das kostenlose RadioEins-Festival statt, das jedes Jahr viele Besucher anzieht. Sogar kleine Gärten unter der U-Bahn gibt es. Und doch – so modern und vielfältig dieser Park auch ist – spürt man immer, dass man sich inmitten der Stadt befindet, nur wenige Minuten vom Potsdamer Platz entfernt.
Für mich ist der Park am Gleisdreieck das Gegenteil des Tiergartens, des anderen großen Berliner Parks. Dort dominiert das üppige Grün, alles wirkt gepflegt, fast komponiert. Im Tiergarten erscheinen die Menschen klein, fast verloren im dichten Laub. Hier dagegen ist es umgekehrt: Der Park macht die Menschen sichtbar. Er ist offen, lebendig und unverstellt – ein Ort, der Bewegung und Begegnung einlädt, ein Fest für die Augen.
Am späten Nachmittag liegt ein sanftes Licht über den Wegen. Kinder lachen, ein ICE gleitet leise vorbei, irgendwo klackt eine Boulekugel. Ein Paar geht vorüber, Hand in Hand, während auf der Skaterbahn der Rhythmus der Stadt erklingt. Und dann – auf der Schaukel im Schatten – das leise Hin und Her eines älteren Paares. Momente, wie sie nur hier entstehen können: zwischen Schiene, Himmel und dem unruhigen Herz der Stadt.




Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß
