Die Gegend, in der ich heute bei Frost und Glätte unterwegs bin, ist mir vertraut. Immer wieder hat es mich hierhergeführt, zu ganz unterschiedlichen Anlässen.
Einmal war ich mit meinem Betrieb zur Weihnachtsfeier in einem Restaurant in der Oranienburger Straße. In einem Café in der Auguststraße hörte ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Klezmermusik von Giora Feidman. Gleich um die Ecke liegt Klärchens Ballhaus – dort war ich einmal tanzen, Cha Cha, Rumba und Walzer. Eine urige Location, ein wenig aus der Zeit gefallen, und doch so lebendig, auch wenn es eng wird auf der Tanzfläche.
In der Synagoge in der Oranienburger Straße wurde mir zum ersten Mal eine Thorarolle gezeigt. Ich erinnere mich, dass ich damals durch ein Fenster die goldene Kuppel fotografierte, obwohl es nicht erwünscht war. Ein kurzer Moment zwischen Staunen und Regelverstoß.
Auch die Linienstraße gehört zu meinen Wegen. In der Volkshochschule habe ich hier autobiografisches Schreiben gelernt – mit dem leisen Wunsch, meinen eigenen Ton zu finden, auch für diesen Blog.
Nach einem solchen Kurstag streife ich mit der Kamera durch die Straßen. Heute ist es bitterkalt, die Sonne zeigt sich nicht, ein grauer Wintertag liegt über der Stadt. Fast alle Gebäude sind inzwischen saniert. Alles wirkt gepflegt und wertig, zugleich auch ein wenig glatt und austauschbar, wie so vieles in Berlin.
Ich suche nach Motiven, doch zunächst bleibt mein Blick ohne Halt. Dann erinnere ich mich an eine Aufgabe aus einem früheren Streetart Walk: sich auf einen einzigen Aspekt zu konzentrieren. Ich entscheide mich für die Farbe Rot.
Am Mahnmal für die deportierten jüdischen Menschen aus diesem Kiez entdecke ich rote Kerzen. Sie leuchten still in der Kälte. Der Ort ist provisorisch eingezäunt – vielleicht ein Schutz, vielleicht eine Notwendigkeit. Und doch ist da vor allem Dankbarkeit dafür, dass es Menschen gibt, die erinnern.
Ich gehe weiter, folge meinem roten Faden durch die Straßen, mache noch einige Aufnahmen. Am Hackeschen Markt steige ich schließlich in die Bahn.
Die Stadt bleibt zurück, ein wenig grau, ein wenig glatt – und doch durchzogen von kleinen Spuren, die bleiben.




Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß

