Kommunikation als Lebenskunst

Kommunikation ist mehr als die Kunst, sich verständlich auszudrücken. Friedemann Schulz von Thun zeigt, wie aus dem Verstehen von uns selbst und anderen eine Lebenskunst werden kann.

Buchvorstellung


Friedemann Schulz von Thun wird wohl vielen Leserinnen und Lesern bekannt sein. Er ist der Begründer des sogenannten Nachrichtenquadrats. Dieses Kommunikationsmodell aus den achtziger Jahren wird in vielen Ausbildungsgängen und in diversen Fort- und Weiterbildungen noch heute zitiert. Vom Nachrichtenquadrat handelt auch dieses aktuelle Buch, aber es geht um viel mehr. Es ist der plausible Versuch, dieses Kommunikationsmodell in eine Theorie des guten Lebens einzubetten. Deshalb der Titel „Kommunikation als Lebenskunst“. Es geht nicht nur darum, gut zu reden, sondern vor allem darum, gut zu leben. Wer will das nicht?

Dieses Buch hat zwei Autoren, Friedemann Schulz von Thun und Bernhard Pörksen. Es ist eine nachträglich bearbeitete Aufzeichnung eines langen Gesprächs zwischen den beiden. Die Rollen in diesem Dialog sind klar verteilt: Der eine, Pörksen, stellt kluge Fragen zum Lebenswerk des anderen. Dieser, Schulz von Thun, erläutert seine Kerngedanken bereitwillig. Im Grunde handelt es sich deshalb um eine nachdenkliche Zusammenfassung der Kommunikationstheorie von Friedemann Schulz von Thun.

Seine Kommunikationstheorie hat das Ziel, „anderen Menschen zu helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen und Konflikte zumindest besprechbar zu machen, sie zu entschärfen, manchmal vielleicht auch gänzlich aufzulösen.“ Friedemann Schulz von Thun geht davon aus, dass die Qualität der Kommunikation die Qualität unseres Lebens bestimmt. Die Modelle und Leitkonzepte, welche für eine gute Gesprächsführung dienlich sind, „tragen auch ein lebensphilosophisches Potential in sich.“

Gegensatz der Werte

Wie kann es uns gelingen, andere, aber auch uns selbst, besser zu verstehen? Dabei könnte uns ein Wissen um die menschlichen Grundbestrebungen helfen. Friedemann Schulz von Thun meint, es sind vier, miteinander verbundene und zugleich widersprüchliche Grundstrebungen, die zu einem gelungenen Leben führen: unser Wunsch nach Nähe und Distanz sowie nach Dauer und Wechsel.

Alle vier Grundstrebungen gehören zum Wesen jedes einzelnen Menschen. Entscheidend für die Lebensqualität ist, wie wir mit diesen gegensätzlichen Wünschen umgehen.

Das Geheimnis eines glückenden Lebens liegt in der Integration dieser polaren Gegensätze. „Das eigene Leben gelingt in dem Maße, in dem es möglich wird, diese Spannungen auszuhalten, Balancen zu finden und die Gegensätze zu integrieren.“ Damit ist nicht gemeint, dass wir stets einen Mittelwert zwischen den Extremen anstreben sollten. „Es geht mir nicht um eine statische, sondern um eine dynamische Balance, die aus der Verbindung des Unterschiedlichen und zunächst unvereinbar Erscheinenden eine dritte Qualität entstehen lässt.“

Wertequadrat

Aus dieser Theorie der polaren Gegensätze entwickelt Friedemann Schulz von Thun ein Reflexionsmodell, das er „Wertequadrat“ nennt. Jeder positive Wert besitzt demnach einen positiven Gegenwert. So wie Nähe und Distanz positive Werte sind, so sind es im Alltag etwa Sparsamkeit und Großzügigkeit.

Kein Wert ist an sich allein schon das, was er sein soll – er wird es erst durch die Einbeziehung des positiven Gegenwertes. „Jede Tugend, jedes Ideal, jede menschliche Qualität, eben jeder Wert kann nur dann für das Leben konstruktiv werden, wenn er sich in einer Balance zu einer komplementären »Schwestertugend« befindet. Ohne diese Balance entsteht eine Übertreibung im Sinne »des Guten zuviel.« Diese Übertreibung kann eine positive Qualität in eine Schwäche und Untugend verwandeln, z.B. verkommt Sparsamkeit ohne den positiven Gegenwert der Großzügigkeit zum Geiz. Umgekehrt ist Großzügigkeit ohne Sparsamkeit in der Gefahr, zur Verschwendung zu missraten.“

Friedemann Schulz von Thun ist sich sicher, dass jeder Wert nur in einer ausgehaltenen Spannung zu seinem positiven Gegenwert ein wirklicher Wert ist. „Diese kleine Denkfigur setzt uns eine neue Brille auf, mit der wir Menschen betrachten können. Die Brille schärft den Blick dafür, dass sich auch in dem abgelehnten Unwert nicht etwas prinzipiell Schlechtes, Krankhaftes oder Böses verbergen muss, sondern dass es sich hier um eine Überdosierung handelt, die problematisch geworden ist.“

Wenn wir diese menschlichen Schwächen als „zu viel des Guten“ begreifen, dann geht es nicht mehr um ihre endgültige Beseitigung oder Verteufelung, „sondern um ihre graduelle Rückführung und um die Vereinigung mit der Schwestertugend. Mit dieser Brille wird das Modell zu einer Schule der Würdigung, die abgelehnte Eigenschaften und Verhaltensweisen, Macken und Schwächen leichter besprechbar macht.“

Dynamische Balance statt Ausgewogenheit

Das Ideal definiert Friedemann Schulz von Thun nicht als eine Mitte, sondern als eine Synthese von zwei gegensätzlichen positiven Polen. „Das anzustrebende Ideal ist nicht als Mittelpunkt zwischen zwei Extremen definiert, sondern als dynamische und dialektische Balance zwischen zwei positiven Qualitäten, die in eine Ergänzungspartnerschaft zu bringen sind. Zugleich ist uns damit die Koexistenz zweier Wahrheiten aufgegeben.“

Wenn wir uns auf diese Denkweise einlassen, erscheint uns jede noch so alltägliche Situation als „Manifestation einer existenziellen Dialektik, als Ausdruck verschiedener nebeneinander existierender Wahrheiten, aus denen sich bei Bedarf ein Wertequadrat konstruieren lässt.“

Allerdings müssen wir erst einmal kräftig aneinandergeraten, bevor wir auf die Integration der Gegensätze zielen können. „Wo immer im seelischen und zwischenmenschlichen Miteinander versucht wird, leidenschaftslos zu einer prä-konfliktären Integration zu gelangen, liegt ein Missverständnis vor: Integration ist immer eine post-konfliktäre Leistung, die dem bereits entfalteten inneren oder zwischenmenschlichen Spannungspotential nachfolgt. Wo sie ihm vorangeht, ist sie altkluge Vermeidung. Bevor zwei Pole integrationsfähig werden, „wollen sie erst einmal angefühlt und zuweilen auch gelebt werden.“

Der Appell, der vom Wertequadrat ausgeht, lautet daher nicht: „Bemühe dich in jeder Lebenslage um Ausgewogenheit! Es ist von einer dynamischen Balance die Rede… Das heißt, es kann punktuell und situativ auch mal kräftig zur einen oder anderen Seite ausschlagen.“

Wenn wir von diesen beiden Polen wissen und sie miteinander verbinden, dann sind wir davor gefeit, weder in einen Omnipotenzwahn noch in eine hilflose, resignative Schicksalsergebenheit abzugleiten.

Stimmigkeit

Welche Entscheidungen, welche Handlungen sind richtig? Einfach formuliert und schwer zu realisieren: Solche, die stimmig sind. „Die ziemlich anspruchsvolle Herausforderung lautet damit: Sei in Übereinstimmung mit dir selbst! Und sei auch in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Situation!“

Wir brauchen also einerseits den ungehinderten Zugang zur inneren Wahrheit, „mit der Frage: Was macht mich in dieser Situation aus, was entspricht mir, sodass ich dazu stehen kann? Und zweitens: Was ist die Wahrheit der Situation, worauf kommt es hier an und was verlangt sie mir in meiner gegenwärtigen Rolle legitimerweise ab?“

Alle möglichen Facetten sind hier denkbar. Wir können in Übereinstimmung mit uns und der Situation handeln; das ist der Idealfall der Stimmigkeit. Wir können in Übereinstimmung mit uns selbst und hochauthentisch auftreten, dabei aber den Charakter der Situation verfehlen. Vorstellbar ist drittens, dass wir durchaus passend zur Situation kommunizieren, uns selbst dabei aber verfehlen und verleugnen, uns also angepasst oder überangepasst verhalten. Und viertens kann es vorkommen, dass wir beides verfehlen: die eigene innere Wahrheit wie auch die Erfordernisse der Situation und unserer Rolle darin. Friedemann Schulz von Thun nennt das verquer. „Da stimmt und passt es weder hinten noch vorn.“

Stimmig heißt, es sollte zur Persönlichkeit passen, die wiederum Resultat vielfältiger lebensgeschichtlicher Ereignisse ist, gebunden an Temperament oder Charakter. Stimmigkeit „stellt diejenige Lebensführung dar, die zu mir und der individuellen Beschaffenheit meiner Seele passt.“

Abschied vom Rezeptdenken

Es ist schwierig, auszuloten, was stimmig ist und was nicht. Wir müssen von einem bequemen Rezeptdenken Abschied nehmen, „der Suche nach fertigen, situationsunabhängigen gültigen Prinzipien.“ Schulz von Thun fasziniert dieser Gedanke, „dass es eine mir gemäße, eine mir eigene existentielle Leitlinie gibt, die meinem Leben Sinn und Richtung bietet. Und dass ich selbst es bin, der diese Leitlinie entdecken muss, freilich nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der Begegnung mit anderen und mit dem Ausschnitt der Welt, der mich erreicht und herausfordert.“

Sprechen und Zuhören

In der Arbeit mit dem Wertequadrat können wir uns selbst und andere besser verstehen. Das gelingt nicht ausschließlich durch eigenes Nachdenken, sondern auch im Gespräch mit anderen. Es ist daher wichtig, sich verständlich zu äußern oder zu schreiben.

Verständlich reden und schreiben bedeutet, dass wir anderen Menschen Zugang zu einer ursprünglich verschlossenen Welt eröffnen, Beteiligung ermöglichen und Kommunikationsbarrieren einreißen. Wie machen wir das?

Friedemann Schulz von Thun sieht vier Schlüsselmerkmale für eine verständliche Kommunikation: Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und zusätzliche Stimulanz. Dies lässt sich üben.

Schwieriger scheint ihm eine kognitive Empathie: „Ein Bewusstsein davon, was im Kopf des Zuhörers oder Lesers vor sich gehen mag, wenn ich dies oder jenes sage. Und zwar im Kopf von jemandem, der das alles noch nicht im Kopf hat, was ich im Kopf habe.“

Solange beide Gesprächspartner verletzt und empört sind, sind sie zu zwei Dingen unfähig: zur Empathie und zum Einnehmen einer Metaperspektive.

Was heißt es in diesem Sinne, einander zu verstehen? Worin besteht für uns die Erfahrung und die Essenz glückender Kommunikation?

„Ihr Wesen besteht in einer energetischen Verbindung, die etwas entstehen lässt, das man alleine gar nicht zustande bringen könnte. Die Wahrheit beginnt zu zweit.“

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

Beim Lesen dieses Buches habe ich zunächst vor allem ein Modell kennengelernt: das Wertequadrat, die Idee der dynamischen Balance, den Gedanken der Stimmigkeit. Erst nach und nach wird daraus für mich eine Haltung gegenüber anderen Menschen.

Vielleicht ist das die eigentliche Lebenskunst, von der der Titel spricht: nicht jede Spannung sofort auflösen zu wollen. Unterschiedliche Wahrheiten aushalten zu können, ohne die eigene aufzugeben. Und auch bei anderen Menschen zunächst danach zu suchen, welcher berechtigte Wert hinter einer Haltung stehen könnte, die mir fremd oder sogar falsch erscheint.

Das klingt einfacher, als es ist. Im Alltag gelingt es sicher nicht immer. Möglicherweise liegt gerade darin eine leise Hoffnung dieses Buches. Wir können lernen, genauer hinzuhören, uns selbst besser zu verstehen und anderen Menschen etwas länger zuzuhören, bevor wir urteilen.

Die Wahrheit beginnt zu zweit. Ein schöner Gedanke, den ich aus diesem Buch mitnehme.

Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun, Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens. Veröffentlicht im Jahr 2014.
ISBN 978-3-8497-0049-2

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