Buchvorstellung
Was sind Projektionen – und wie entstehen sie?
Wir alle kennen das: Jemand geht uns „gegen den Strich“, wirkt bedrohlich, überheblich oder auch faszinierend. Doch was genau stört uns – oder zieht uns so an?
Marie-Louise von Franz nennt das Projektion: einen seelischen Vorgang, bei dem wir eigene, meist unbewusste Anteile auf andere Menschen übertragen. Wir „sehen“ dann etwas im Außen, das eigentlich zu uns selbst gehört – das wir aber nicht wahrhaben wollen oder können.
Ein Beispiel
Wer sich selbst keine Wut zugesteht, empfindet andere schnell als aggressiv. Wer sich schwach fühlt, nimmt andere als dominant wahr. So entsteht ein verzerrtes Bild: Nicht der andere Mensch selbst berührt uns, sondern das Thema, das wir – oft seit früher Kindheit – mit ihm verbinden. Eine alte Erfahrung, ein verdrängtes Gefühl, ein ungeliebter Anteil von uns selbst.
Projektionen gehören zum inneren Leben des Menschen. Im besten Fall führen sie uns mit dem Unbewussten in Kontakt – im schlechteren Fall vernebeln sie unsere Sicht auf die Welt. In deren Folge entstehen Handlungen, die uns oder andere beschädigen können.
Warum das wichtig ist
Wir streiten, wo Selbsterkenntnis nötig wäre. Wir idealisieren oder entwerten andere, während wir eigentlich mit uns selbst ringen. Wir verlieren die Klarheit – und damit die echte Begegnung.
Marie-Louise von Franz bringt es auf den Punkt: Es geht letztlich um die Frage: Was ist Realität?
Wer seine eigenen Projektionen erkennt, beginnt, die Wirklichkeit klarer zu sehen.
Wie erkennen wir Projektionen?
Marie-Louise von Franz nennt klare Hinweise: Jeder emotional aufgeladene Streit enthält Elemente der Projektion. Jeder Aufbau eines Feindbildes – etwa durch gehässige Polemik in den Medien – ist davon durchdrungen.
Wenn wir selbst zur Zielscheibe einer Projektion werden, erleben wir das oft wie eine Gewalterfahrung – als wären wir von einem Projektil getroffen. Nur: Die Person, die projiziert, die merkt es nicht. Oft wehrt sie sich heftig gegen jede Korrektur, denn es steht nicht weniger als das eigene Selbstbild auf dem Spiel – manchmal sogar die Identität.
Am eigenen Unbewussten arbeiten
Weil Projektionen unbewusst sind, können sie nicht einfach logisch verstanden oder mit Argumenten „aufgelöst“ werden. Es braucht innere Bereitschaft zur Selbsterforschung – und es braucht den Weg ins Unbewusste.
Marie-Louise von Franz war praktizierende Psychoanalytikerin. Sie deutete in ihrer Praxis über 60.000 Träume. Für sie war der Traum ein Zugangstor zum Unbewussten. Im therapeutischen Prozess kann die Rücknahme einer Projektion schrittweise geschehen – in fünf Schritten:
„Erste Stufe: Einheit, zweite Stufe: Trennung der Einheit, dritte Stufe: moralische Bewertung, vierte Stufe: Eingeständnis der Illusion, fünfte Stufe: Anerkennung einer psychischen Existenz im Selbst.“
Was bedeutet hier Einheit? Marie-Louise von Franz versteht darunter die unbewusste Vermischung von Innen- und Außenwelt. Diese archaische Identität prägt unser Erleben bis heute – auch wenn wir sie nicht bemerken.
Die unbewusste Vermischung von Innen- und Außenwelt führt dazu, „dass wir naiv und gedankenlos annehmen, der andere sei wie wir selber, und dass für ihn dasselbe gelte wie für uns, wodurch wir uns berechtigt fühlen, ihn zu »verbessern«.“ Die Erkenntnis, dass andere Menschen in einem völlig anderen Wertesystem leben, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Rücknahme von Projektionen.
Individuation und Ganzwerdung
Die Auseinandersetzung mit Projektionen ist kein rein intellektueller Akt. Es ist ein innerer Wandlungsprozess – mit tiefgreifenden seelischen Folgen. Er kann zur Selbsterkenntnis und zu menschlicher Reifung führen.
„Nur Besonnenheit, Besinnung und Selbsterkenntnis können die benebelnden Projektionen unbewusster Inhalte aufheben.“
Wer seine Projektionen erkennt und zurücknimmt, verliert nicht etwa den Bezug zu anderen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Beziehung kann an Tiefe gewinnen. Diese ist nicht mehr geprägt von Abhängigkeit oder Illusion, sondern entsteht aus einem überpersönlichen Zentrum: dem Selbst.
„Wenn man sich selbst während eines Umkehrprozesses beobachtet, so ließe er sich etwa folgendermaßen beschreiben: Man ist zunächst im Falle einer anpassungsstörenden Projektion, sei es nun Verliebtheit oder Hass oder Verbohrtheit in eine Theorie oder Idee, von einem starken Affektstrom getragen sowie von einem Begehren (das geliebte Objekt zu »fressen«, den Feind zu »vernichten«, die Idee allen anderen Leuten aufzuzwingen). Mit diesem Verhalten stößt man wiederholt in der Außenwelt an, was zu Streit und Enttäuschungen führt. […] Wenn das Leiden lange genug andauert […], dann kommt jener gnadenhafte Augenblick der möglichen Reflexion […]. Man wird still, oder eher: »es wird in einem still«. Die Einsicht in die Projektion selbst ist dann meistens ungeheuer einfach. Am schmerzlichsten bei diesem Prozess ist die Erkenntnis, dass man durch die vorangegangene Fehlhaltung ein Stück wertvoller Lebenszeit verloren oder sogar aus »heiliger Überzeugung« schwerwiegende Untaten begangen hat.“
Moralische Umkehr
Eine echte Einsicht in die eigene Projektion hat die Qualität einer moralischen Umkehr. „Die moralische Umkehr ist ein Gesinnungswandel, durch den die ganze Persönlichkeit erneuert und in einer Art verändert wird, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“
Wenn Projektionen zurückgenommen werden, können neue, tiefere Beziehungen entstehen – frei von illusionären Erwartungen. Während die auf Projektion beruhenden Beziehungen durch Faszination und magische Abhängigkeit charakterisiert sind, hat die Form der Beziehung über das Selbst etwas streng Objektives, seltsam Überpersönliches an sich. Sie vermittelt ein Gefühl von unmittelbarem zeitlosem »Zusammensein«.“
Projektion und Gesellschaft
Projektionen sind kein rein persönliches Thema. Sie wirken überall dort, wo Menschen zusammenleben – in Familien, in Gruppen, in ganzen Gesellschaften. Viele historische Konflikte, sagt Marie-Louise von Franz, entstehen, weil Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Glaubenshaltungen aneinander vorbeireden – und ihre inneren Bilder aufeinander projizieren.
Menschen mit Verfolgungsängsten können andere mit ihrer Angst „anstecken“ – bis eine ganze Gruppe dasselbe falsche Bild übernimmt. „Ganz Gruppen können gemeinsam projizieren, so dass ihr Fehlurteil offiziell als zutreffende Realitätsbeschreibung gilt.“
Ein persönlicher Gedanke zum Schluss
Während der Arbeit an dieser Buchvorstellung kam es in Spanien und in Nordirland zu brutalen Ausschreitungen von Jugendlichen gegen Migranten. Es fällt auf, dass in der Berichterstattung und in der Analyse dieser Gewaltexzesse niemals von Projektionen die Rede ist. In meinem Bücherregal wartet eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Psychologie des Rechtsextremismus“ darauf, von mir gelesen zu werden. Als die Ereignisse in Nordirland und Spanien durch die Medien gingen, habe ich es mal zu Hand genommen, um zu schauen, wie dort über Projektionen geschrieben wird: Kein Wort.
Mir scheint: Es ist heute in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr üblich, das Unbewusste in die Analyse von Konflikten einzubeziehen. Vielleicht, weil das Unbewusste immer zwei Seiten hat? Es ist Quelle von Gewalt – und zugleich Quelle von Selbsterkenntnis. Wer nur in „entweder–oder“-Kategorien denkt, hat es schwer, diese Doppelgesichtigkeit zu erfassen.
Deshalb ist der Text von Marie-Louise von Franz so wichtig. Wir werden dazu angeregt, die eigenen Projektionen zu hinterfragen, auch wenn das schwer ist. Denn nur wer sich selbst kennt, kann anderen wirklich begegnen – als ganzer Mensch.

Marie-Louise von Franz, Spiegelungen der Seele. Projektion und innere Sammlung. Veröffentlicht im Jahr 1988, hier gelesen in der 2. Auflage desselben Jahres. ISBN 3-466-34189-2

