Das Glück in glücksfernen Zeiten

Wilhelm Genazinos augenzwinkernder Roman über die Gefahren, in Beruf und Partnerschaft zu scheitern und dabei verrückt zu werden

Buchvorstellung


Der Roman von Wilhelm Genazino mit dem Titel „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ lädt uns ein, darüber nachzudenken, wie es gelingen mag, unsere alltäglichen Anforderungen in der Partnerschaft und im Erwerbsleben mit unserem Innersten in Einklang zu bringen, ohne dabei verrückt zu werden.

Wilhelm Genazino nimmt uns mit in die komplizierte, aber leicht lesbare innere Welt des Protagonisten Gerhard Wahrlich, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Er ist Geschäftsführer (nicht Inhaber) einer Reinigungsfirma für Hotelwäsche. Er hat Philosophie studiert und seinen Doktor gemacht. Im Studium hat er bereits als Fahrer in dieser Firma begonnen und ist inzwischen Geschäftsführer geworden. Er wohnt mit Traudel zusammen, sie sind seit zehn Jahren ein Paar, aber nicht verheiratet. Traudel ist Leiterin einer Sparkassenfiliale und sie möchte ein Kind von ihm.

Anpacken und verändern? Schwierig!

Gerhard Wahrlich hat seine Mitte noch nicht gefunden. Zwei seiner existenziellen Lebensbereich sind problematisch: Die Erwerbsarbeit erfüllt ihn nicht mit Sinn und Freude, die Beziehung zu Traudel ist bedroht, weil beide unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben in der Zukunft haben. Gerhard Wahrlich gehört nicht zu den Menschen, die etwas anpacken und verändern, wenn etwas nicht stimmt. „Ich selbst glaube nicht mehr an die Veränderbarkeit irgendwelcher Verhältnisse. Dafür dauert das, was hätte verändert werden müssen, schon zu lange an. Trotzdem haben meine Wünsche ihre Nichterfüllung überlebt.“

Was für ein Satz! „Meine Wünsche haben ihre Nichterfüllung überlebt.“ Das ist ein entscheidender Punkt, nach außen hin hadert er nicht mit seinem Schicksal, aber im Innern rumort es, da rebelliert er, aber er sieht für sich keine Lösungen. „Ich beneide die Anarchisten in gewisser Weise, weil sie ihre Unzugehörigkeit darstellen können. Meine Unzugehörigkeit war immer ganz innerlich und verweigerte jede Darstellung.“

Scham und Schuld

Welche Kräfte aber sind es, die Gerhard Wahrlich im Innern so sehr hemmen, Konflikte kraftvoll anzugehen? Es sind Scham und Schuld. „Ich schäme mich und warte darauf, dass ich sofort sterbe[…] Ich kenne meine Scham und weiß seit langer Zeit, dass sie immer eine Anspielung auf meinen Tod ist. Wenn ich mich genug geschämt habe, werde ich befreit sterben dürfen.“

Gerhard Wahrlich weiß sehr wohl, dass Scham und Schuld schon in der Kindheit angelegt wurden. Er schildert eine Situation im Kaufhaus, wo seine Mutter erst einen Kleinkredit aufnehmen muss, um ihm Schuhe kaufen zu können, und ihn dann im Kaufhaus maßregelt, als er noch mehr möchte außer den Schuhen. „Nichts mehr wird gekauft! sagte sie halblaut zu mir herunter. Zu mir! Als wäre ich schuld gewesen an der Anschaffung der Schuhe. Erst später ging mir auf, dass ich tatsächlich schuld war[…] Durch die Einfühlung in die Mutter stieg in mir etwas empor, was bis heute seinen Rätsel nicht verloren hat: Die schuldhafte Freude […] Um mich wieder schuldfrei freuen zu können, fasste ich meine Mutter an der Hand und streichelte sie […] Meine Mutter war so stark gerührt, dass sie wieder freundlich wurde. Erst dadurch schien meine Freude genehmigt zu sein und ließ mein Kinderglück zwischen ihr und mir hin- und herströmen.“

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Scham und Schuld bestimmen auch das Verhältnis zu Traudel, seiner Lebensgefährtin. „Ich habe so viele Probleme, dass ich praktisch jeden Tag Geständnisse machen könnte. Das lebensgeschichtlich tief sitzende Unbehagen, dass ich mich von der Philosophie, der Bildung und meiner Eitelkeit habe narren lassen, ist bis heute zwischen Traudel und mir nicht besprochen worden. Das noch viel tiefer sitzende Problem, dass ich inzwischen von meiner peinigenden Selbstüberschätzung weiß, ist praktisch unaussprechlich. Jedes Mal, wenn ich es sagen will, würgt mich die Scham.“

Kinderglück

Gerade weil Gerhard Wahrlich im Alltag unter Schaum und Schuld leidet, wird er zur Sympathiefigur. Denn dadurch ist er ein moralischer Menschen, einer, der ein Gespür dafür hat, welches mitmenschliche Verhalten gut ist und welches schlecht. Scham und Schuld blockieren ihn zwar, aber nicht gänzlich, es ist eher so, dass seine Wege nicht geradlinig sind, er oftmals orientierungslos und mutlos ist.

Gerhard Warlich leidet unter seiner Scham und er möchte davon loskommen. Er weiß nur selten, warum er sich schämt, deshalb hat er „keine Lust mehr, an dieser immer noch zunehmenden Kompliziertheit teilzunehmen […] Dabei habe ich schon länger den Eindruck, dass die Kompliziertheit, obwohl ich ihr Austragungsort bin, gar nicht von mir stammt.“

Zartheit statt Sachzwang

Und noch etwas stimmt versöhnlich. Gerhard Warlich ist in einer scheinbar zielgerichteten Welt, wo es immer nur darum geht, Sachzwänge zu erkennen und zu lösen, Ziele und deren Umsetzung zu formulieren, der angenehme Antipol. In ihm spricht eine Stimme, die etwas ganz anderes will und die fragt, ob das, was unsere Gesellschaft üblicherweise tut, überhaupt das Richtige ist. „Ich will […] ein zarteres Leben als das, was ich bisher hatte, und ich glaube, dass die meisten Menschen das ebenfalls wollen, aber nicht wissen, wo sie nach einem zarten Leben suchen sollen.“

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Konsequenterweise kann Gerhard Warlich auch hier keine Systemkritik üben, das wäre ja schon zielführend. Er macht das anders, er zieht sich in sich zurück. „Es beruhigt mich, Details zu entdecken, die zwischen mir und den anderen liegen. In der Wahrnehmung dieser Differenz lebt mein Ich.“ Seine Ausstiegsidee, eine Schule der Besänftigung zu gründen, geht er nur halbherzig an. Ihm ist doch eher danach, sich zurückzuziehen, und dafür hat er für sich einen Methode entwickelt. „Das Angenehme an meinem Grauen ist, dass sich meine Innenwelt mehr und mehr vor die Außenwelt schiebt und dass mich unter dem Eindruck dieser Verschiebung die Außenwelt immer weniger interessiert. Es durchflutet mich ein angenehmes Gefühl des Entkommenseins. Es kann nicht mehr lange dauern, dann gefällt mir jeder Anblick.“ Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und Traudel sorgt dafür, dass er in die Klinik kommt.

Ein kurzer Roman über die Gefahr, an den alltäglichen Anforderungen in Beruf und Partnerschaft zu scheitern und dabei verrückt zu werden. Aber was heißt schon verrückt?

Wilhelm Genazino, Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman. Veröffentlicht im Jahr 2009, hier gelesen in der Lizenzausgabe des Jahres 2011. ISBN 978-3-423-13950-2

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