Essay
Es gibt Tätigkeiten, die uns durchs Leben begleiten wie ein stiller Faden – kaum bemerkbar im Alltag, doch von unschätzbarem Wert, wenn wir zurückschauen. Lesen gehört für mich zu diesen leisen Konstanten. Es schenkt mir Orientierung, Erkenntnis, Ermutigung und manchmal auch ein Stück Hoffnung. Vielleicht schreibe ich diesen Essay, weil ich diesem Faden einmal bewusst nachspüren möchte: Was bedeutet mir das Lesen – und wie ist es zu dem geworden, was es heute für mich ist?
Bevor wir begreifen, was Lesen mit uns macht, liegen oft viele gelesene Jahre hinter uns. Dorthin möchte ich zunächst zurückblättern – zu einer frühen Szene meiner eigenen Leserreise.
In den sechziger Jahren wohnten wir in Hannover, in einer Siedlung aus Viergeschossern mit roten Backsteinen und Giebeldach, für heutige Verhältnisse gar nicht so schlecht. Einmal in der Woche kam der Bücherbus. Ein umgebauter Omnibus, voll mit Büchern. Ich ging damals in die Grundschule, meine Lieblingsbücher waren die Detektivgeschichten von Jan Helmer. Es waren schmale, gebundene Bücher, mit einem gelben Schutzumschlag. „Jan“ war eine Buchserie, waren es 20 oder sogar 30? Ich weiß es heute nicht mehr. Es fühlt sich so an, als seinen sie alle durch meine Hände gegangen. Natürlich verschlang ich auch die Geschichten aus dem schwedischen Dorf „Bullerbü“, und mich faszinierte „Karlsson auf dem Dach“, ein Junge, der mit einem Propeller auf dem Rücken fliegen konnte.
In einer Rückschau auf Ereignisse, die 60 Jahre zurückliegen, gehen Erinnerung und Dichtung eine heimliche Allianz ein. Kann ich heute noch sagen, wo ich meine Bücher las? Nein, es gibt keine Erinnerung, aber wir wohnten in beengten Verhältnissen. Mit meinem älteren Bruder teilte ich mir ein Zimmer. Wenn ich las, ist wahrscheinlich die meiste Zeit ein weiterer Mensch im Raum gewesen. Vielleicht ist dies eine Erklärung dafür, warum ich heute auch in der Bahn konzentriert lesen kann. Die Anwesenheit anderer Menschen lenkt mich nicht ab, und wenn doch, kann ich nach kurzer Zeit in meine Bücherwelt zurückkehren.
Vor ein paar Jahren kam mir „Jan“ wieder in den Sinn. Mich interessierte, warum mich diese Serie so faszinierthat. Ich kaufte mir das erste Exemplar und fing an zu lesen. Jan war ein Junge, der etwas älter war als ich zu der Zeit. Jans Vater war Kriminalpolizist bei der dänischen Polizei. Jan konnte seinem Vater bei der erfolgreichen Verfolgung von Bösewichten helfen, er wurde immer wieder von seinem Vater in seinen detektivischen Ermittlungen unterstützt. Mein eigener Vater war anders. Er war sehr distanziert zu uns Kindern, und auch zu unserer Mutter. Er lebte in seiner eigenen Welt, in der seine Familie keinen Platz hatte.
Die Suche nach dem schönen Leben
Jan hatte nicht nur eine enge Bindung zu seinem Vater, er war auch stabil in einen Freundeskreis eingebunden. In dieser Clique geht es um die Themen, die Gleichaltrigen wichtig sind: Freundschaft, Vertrauen, Verlässlichkeit. In Wikipedia gibt es tatsächlich einen Eintrag dazu, zu finden unter „Jan als Detektiv“. Dort werden Jan und seine Freunde vorgestellt, welchen Typus sie repräsentieren.
Warum las ich das damals? Meine Kinder- und Jugendbücher schickten mich in eine völlig andere Welt, und beim Lesen war ich tatsächlich in dieser Welt. Lesen war für mich wie eine Reise in ein fernes Land, ein Land, in dem ich gerne wäre. Heute frage ich mich, ob in mir eine Sehnsucht war nach dieser schönen Welt, oder ob ich erst durch die Literatur auf neue Gedanken gebracht wurde. Vielleicht war es beides. Ich suchte etwas, was mir fehlte, und ich entdeckte etwas, was ich zuvor nicht kannte. Diese Einstellung zum Lesen habe ich mir bis heute bewahrt, mit dem Unterschied, dass ich heute vieles bewusster lese. Meist weiß ich, wonach ich suche, aber was ich dann in der Literatur finde, das ist immer wieder eine Überraschung.





Alle Fotos aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß
Im Alter von etwa 20 Jahren veränderte sich mein Leseverhalten. Jetzt las ich zum ersten Mal Sachbücher, die sich gründlich und kritisch mit unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Vor allem Erich Fromm hatte es mir angetan. Nicht nur die Klassiker wie „Haben oder Sein“ oder „Die Kunst des Liebens“ las ich, sondern auch seine Studien zum autoritären Charakter, zur Psychoanalyse Sigmund Freuds und zum Menschenbild bei Marx. Wir waren am Ende der siebziger Jahre, CDU und SPD waren auf Atomkurs, aber es gab bereits kräftigen Gegenwind aus der Bevölkerung.
Während meines Zivildienstes lebte ich in der Nähe eines geplanten Zwischenlagers, das hat mich endgültig politisiert. In dieser Zeit fing ich an, Selbstverständlichkeiten nicht mehr so hinzunehmen. Ich las zum ersten Mal Literatur zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung. „Das Mädchenorchester in Auschwitz“ und Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ haben mich berührt und nachdenklich gestimmt. Ich selbst hatte mich kräftig verändert. Der Freundeskreis wurde kleiner und zugleich intensiver. Meine Berufsausbildung in der Verwaltung war abgeschlossen, aber eine lebenslange Erwerbstätigkeit am Schreibtisch konnte ich mir nicht vorstellen. So habe ich meine Tätigkeit im Büro aufgegeben, den Hochschulabschluss nachgeholt und begonnen, Sozialwissenschaften in Hannover zu studieren.
In den Seminaren wurde ich mit Literatur konfrontiert, die mir zuvor gänzlich unbekannt war. Im Buch „Okonkwo oder das alte stirbt“ erfuhr ich zum ersten Mal einen Blick auf die Gesellschaft aus afrikanischer Sicht. In der „Geschichte der Eisenbahnreise“ erfuhr ich, wie Technik nicht nur unser praktisches Leben erleichtert, sondern unsere Sinneswahrnehmung, unser Denken und unsere Wertvorstellungen radikal beeinflusst. Literatur hat schon immer meinen Blickwinkel erweitert, jetzt aber wurde die Welt riesengroß.
Der Wunsch nach einem tiefen Verständnis
Am Studiengang arbeiteten in den achtziger Jahren viele Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die kapitalismuskritische Gedanken selbstverständlich waren. Das ist lange her, aber mich hat es bis heute geprägt. Für meine Magisterarbeit bin ich in die familiensoziologische Richtung abgebogen. „Partnerschaft und Privateigentum – zur Formbestimmung nichtehelicher Beziehungen in der lohnabhängigen Mittelschicht der Bundesrepublik Deutschland“. Für diese Arbeit las ich las ich eine Unmenge an Büchern, neu war für mich, dass ich zum ersten Mal versuchte, sie in Beziehung zueinander zu bringen.
Vielleicht war dies der wichtigste Lernschritt an der Universität, Gedanken und Theorien nicht nur aus sich heraus zu verstehen, sondern sie in Verbindung mit anderen Denkrichtungen und Wahrnehmungen zu interpretieren. Dazu braucht der eigene Kopf zumindest eine Ahnung vom Ganzen, von dem verbindenden Moment. Aus heutiger Sicht war der Abschluss an der Universität zugleich mein Beginn, ein Bewusstsein vom großen Ganzen zu gewinnen. Es ist eine Reise, die bis heute anhält.
Nach dem Studium gab es bei mir eine längere Lesepause. Alle Energien gingen in das private und berufliche Leben. Ich bin nach Berlin gezogen, wo ich seither mit meiner Familie wohne, in der Erwachsenenbildung zog ich mich aus der sozialen und politischen Bildung zurück und wurde EDV-Dozent. Es war das Ende der neunziger Jahre, nicht nur Berlin, die ganze Welt war im Umbruch.
Wilhelm Genazino hat es geschafft, meine Freude am Lesen wieder zu entdecken. Ich war damals Stammgast in der lokalen Bibliothek, allerdings nicht, um mir Bücher auszuleihen, sondern Musik-CDs, aus denen ich mir mp3 herauskopierte. Bei einem dieser Besuche habe ich dann doch einmal in den Bücherregalen gestöbert und diesen Autor entdeckt. Ich nahm einen Roman mit nach Hause und verschlang ihn. In der Folge las ich dann tatsächliche alle seine Bücher. Hier in meinem Blog habe ich ausführlich seinen Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ vorgestellt, er mag stellvertreten für die Art und Weise stehen, wie Wilhelm Genazino schreibt.
In seinen Romanen gibt es immer einen Ich-Erzähler, der durch seinen Alltag aus Berufstätigkeit und Partnerschaft stolpert. Seine Protagonisten pflegen vor allem den inneren Dialog. Eine große Rolle spielt die Straße, wo die Romanfiguren Symbole ihres unfertigen Lebens entdecken und darüber philosophieren. Anders als zu meiner Kindheit, wo mich die Bücher in eine Welt führten, die immer auch Orte der Sehnsucht waren, bleibt Wilhelm Genazino dem heimischen Alltag verbunden. Seine Bücher spenden ein wenig Trost für ein Leben, das in seinen Tücken des Alltags immer auch die Hoffnung auf ein anderes, vollständigeres Leben enthält.
In gewisser Weise bin ich durch die Lektüre von Wilhelm Genazino aus einer geistigen Lethargie gerissen worden. Ich wurde wieder kreativer, auch in meiner Berlin-Fotografie. Ich stemmte meine erste eigene Fotoausstellung im Schillerpalais in Neukölln. Auch in meiner Berufstätigkeit gab es nun kräftige Veränderungen, ich absolvierte nebenher eine Coachingausbildung und erweiterte meine Dozententätigkeit um Integrationsberatung und Coaching für Menschen, die damit konfrontiert waren, sich nach einer schweren Erkrankung beruflich neu zu orientieren.
Die Welt war schon wieder eine andere geworden. In Österreich, in Frankreich, in Italien, in Holland und auch bei uns in Deutschland drängen populistische Kräfte in die Öffentlichkeit und dann auch in die Parlamente und stellen grundlegenden Menschenrechte und die Errungenschaften der Demokratie in Frage. Persönlich bin ich bereits im Herbst des Lebens angekommen, die Kinder sind berufstätig, längst ausgezogen und leben ihr eigenes Leben.
Der Glaube an die menschlichen Möglichkeiten
Die persönlichen und politischen Veränderungen wirken sich direkt auf mein Leseverhalten aus. Inzwischen lese ich nun Sachbücher, kaum noch Romane. Es ist mir wichtig, hinter den Schlagzeilenjournalismus schauen, mich interessieren Auswege und der Blick nach vorne. Ich reflektiere jetzt auch verstärkt die eigene Persönlichkeit, die nachberufliche Lebensphase steht vor der Tür und für mich selbst sehe ich noch jede Menge Entwicklungsbedarf. Von Wilhelm Schmid las ich seine Einführung in die Lebenskunst mit dem Buchtitel „Schönes Leben?“. Es schreibt über Gelassenheit und Genuss, Schmerz und Sinnlichkeit. Ich entfernte heimlich das Fragezeichen hinter dem Buchtitel und war entschlossen, mich um mein eigenes schönes Leben zu kümmern, jenseits von kommerziellen Trends.
Am 7. Oktober 2023 war der barbarische Terrorangriff auf jüdische Menschen in Israel, mit schlimmen Konsequenzen für jüdisches Leben hier in Berlin. Schon viele Jahrzehnte hatte mich die Grausamkeit der Shoah berührt, jetzt fing ich an, mich breiter in die Thematik einzulesen. Dabei musste ich erkennen, wie wenig ich von jüdischer Kultur und jüdischem Leben jenseits des Antisemitismus wusste. Über diesen Weg kam ich dann auch zu religiösen Fragen. Mir scheint, die Dialektik des Lesens scheint darin zu liegen, je mehr ich lese, umso mehr wird mir klar, wie wenig ich weiß. Lesen ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist.
Warum lese ich, war die Leitfrage in meinem kleinen Essay. Ich denke, am wichtigsten scheint mir der Optimismus zu sein, den ich in all meinen Büchern herauslesen konnte. Hier begegnen mir auf den unterschiedlichsten Ebenen Menschen, die sich über Kräfte empören, die ein würdevolles Leben beschädigen und die nach Wegen suchen, das Leben menschlicher und schöner zu gestalten. Auch wenn Lesen zumeist ein einsames Vergnügen ist, so stellt es dennoch eine Verbindung zwischen den Menschen her, denen eine menschliche Zukunft ein Anliegen ist.
Hier in meinem Blog möchte ich Bücher vorzustellen, in denen Hoffnung, Gelassenheit und Lebensfreude transportiert werden. Es ist nicht ganz uneigennützig, denn in der medialen Aufbereitung und in der Verbindung mit anderen Texten werden mir die Texte noch einmal deutlicher und werden so Teil meines bewussten Denkens, ja vielleicht sogar meiner Persönlichkeit. Und vielleicht gibt es den einen oder anderen Menschen, der durch die Beschäftigung mit der hier vorstellten Literatur neue Impulse für die eigene Entwicklung erhält. Das würde mich freuen.

