Die jüdische Wunde

Natan Sznaiders „Die jüdische Wunde“ öffnet Fragen, die weit über das Buch hinausreichen.

Buchvorstellung


Dieses Buch ist nicht einfach für mich. Gewiss, die gut zweihundert Seiten lesen sich angenehm. Natan Sznaider trägt seine Gedanken klar, nachvollziehbar und anregend vor. Und doch verlangt er seinen Leserinnen und Lesern etwas ab: die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten und Spannungen nicht vorschnell aufzulösen. Gerade das macht die Lektüre anspruchsvoll.

Sznaider schreibt aus Israel als Jude nach Deutschland und wendet sich an ein nichtjüdisches Publikum. Sein Thema ist die jüdische Existenz in einer nichtjüdischen Umgebung. Er erzählt Geschichten, die Fragen von Assimilation, Emanzipation, Autonomie, Anpassung, Verfolgung, Exil und Heimat berühren. Kann ein nichtjüdischer Mensch diese jüdischen Geschichten verstehen? Während der Lektüre versuche ich genau das.

Natan Sznaider (ausgesprochen ‚Schneider‘) wird in Mannheim geboren und geht als junger Mann nach Israel. Hier wird er Soziologieprofessor, inzwischen ist er im Ruhestand. 2024 veröffentlicht er die „Jüdische Wunde“.

Sichtbar und unsichtbar

Noch während er daran schreibt, verändert der 7. Oktober alles. Die jüdische Wunde, das sind für ihn nicht nur die aktuellen Ereignisse in Israel, es sind nicht nur die Verbrechen in Ausschwitz. Für Sznaider äußert sich die jüdische Wunde im Widerspruch, einerseits sichtbar und selbstbestimmt Jude und Jüdin zu sein und zugleich anerkannter Teil der Mehrheitsgesellschaft. Im Alltag wie auch im formalen Sinne mit allen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten.

Gleichzeitig sichtbar und unsichtbar, das passt nicht zusammen, daraus ergeben sich ständige Konflikte, oder, wie der Autor es formuliert, die Wunde bleibt offen. Warum passen Autonomie und Anpassung, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit nicht zusammen? Welche Folgen ergeben sich daraus?

Um diesen Fragen nachzugehen, greift Sznaider immer wieder auf Bilder zurück. Sie helfen ihm, seine Gedanken zu ordnen. Sznaider betrachtet sie immer wieder aus unterschiedlichen, auch ungewohnten Blickwinkeln. So entfaltet er Schritt für Schritt sein Bild jüdischer Existenz in einer nichtjüdischen Umgebung.

Ein Foto aus dem Scheunenviertel

Er beginnt sein Buch mit einem Coverbild eines SPIEGEL-Heftes aus der Reihe „SPIEGEL Geschichte“. Auf diesem Cover sehen wir zwei orthodoxe Juden. Das Bild wurde Ende der zwanziger Jahre im Berliner Scheunenviertel aufgenommen. Klar erkennbar sind zwei jüdische Männer, so wie wir sie vielleicht von Fernsehbildern aus Jerusalem oder aus New York kennen. Sie tragen dunklen Hut und langen Mantel. Der Bart ist zottelig. Mit ihrem ganzen Habitus verkörpern sie jüdische orthodoxe Männer aus Osteuropa, die damals im Scheunenviertel in ärmlichen Verhältnissen lebten.

Das Foto vom SPIEGEL ist ein Ausdruck jüdischer Sichtbarkeit. Dieses Bild versieht der SPIEGEL mit dem Untertitel „Die unbekannte Welt nebenan“. Als es veröffentlicht wird, sorgt es gerade unter modernen jüdischen Menschen für Entrüstung, denn viele Jüdinnen und Juden sehen sich nicht mehr so. Jüdische Menschen sehen so aus wie nichtjüdische Menschen, sie sprechen wie nichtjüdische Menschen, sie ziehen sich an wie nichtjüdische Menschen. Aber sie sind trotzdem Juden oder Jüdinnen. Dieses Dilemma, auf der einen Seite nach außen so zu sein wie die nichtjüdische Gesellschaft, aber nach innen trotzdem noch in irgendeiner Form jüdisch zu bleiben und wie man mit diesem Konflikt umgeht, das ist der Ausgangspunkt des Buches, und deswegen beginnt es mit dieser Fotografie.

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Sznaider interpretiert die beiden Männer auf dem Foto als »Ostjuden«, die aus Osteuropa nach Deutschland eingewandert sind. Sie gehören nicht zu den Juden, die Teil werden von der ihnen unbekannten christlichen Welt nebenan, und sie wollen das auch nicht. „Damals wie heute müssen sie sich von Nichtjuden und Juden anhören, dass sie in Sprache, Kleidung sowie Riten und Gebräuchen partikular bleiben wollen, dass sie rückständig sind“ schreibt Sznaider. „Und nach den Maßstäben der aufgeklärten Moderne sind sie tatsächlich rückständig … Ihre Sichtbarkeit macht sie verletzlich. Ihre offen praktizierte Religiosität, ihre traditionelle Kleidung, ihre Wohnverhältnisse verweisen auf weitere Unterscheidungen des Fort- und Rückschrittlichen.“

Und dennoch, „in ihrem Selbstbild symbolisieren die beiden jüdischen Männer auf dem SPIEGEL-Titelbild die historische Kontinuität der Juden durch die Geschichte, ohne die es die säkularen Juden nicht geben kann.“ Es ist wie ein Blick in die eigene kollektive Vergangenheit. Und zu dieser Vergangenheit gehört auch das Schicksal der beiden Männer auf dem Foto. „Was wir nicht sehen, ist das Pogrom vom November 1923, als ein Mob durch die Straßen des Scheunenviertels zieht und »Schlagt die Juden tot« skandiert … Wir können davon ausgehen, dass die beiden Juden polnische Staatsbürger waren, die in der sogenannten »Polenaktion« Ende Oktober 1938 mit 17.000 anderen Juden und Jüdinnen über die Grenze nach Polen abgeschoben werden. Einige Jahre später wurden sie wohl ermordet.“

Mendelssohn und Lessing

Das zweite Bild, das Sznaider dem Foto aus dem Scheunenviertel kontrastierend gegenüberstellt, ist ein Gemälde, in dessen Zentrum der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn steht. Mendelssohn setzte sich im 18. Jahrhundert engagiert für die Gleichberechtigung der Religionen, für Toleranz gegenüber dem anderen, für den Universalismus der Aufklärung ein. Der Maler Moritz Daniel Oppenheim portraitiert hier fiktiv Moses Mendelssohn beim Schachspiel mit dem Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Johann Caspar Lavater, interessiert beobachtet von Gotthold Ephraim Lessing.

In diesem Bild erkennen wir, so deutet es Sznaider, ein jüdisches Haus für Familien der Mittelschicht. Die Häuslichkeit, die hier gezeigt wird, „spiegelt eine emotionale Haltung, eine Suche nach Innerlichkeit nicht nur der Räume, sondern auch der Seele, an der auch Juden und Jüdinnen teilhaben können. Es ist eine sentimentale Suche nach Sinn und Sicherheit. Das eigene Zuhause bietet Zuflucht vor einer Welt der Bedrohung und Unsicherheit“. Es verwandelt sich „von einem Wohnort zu einer Insel der Sicherheit, der Wärme und Intimität, wo Frau Mendelssohn Kaffee serviert und Lavater und Mendelssohn miteinander streiten oder Schach spielen.“

Ausführlich schildert Sznaider, in welcher Beziehung die drei Männer zueinander stehen. Wir erkennen auf Oppenheims Gemälde den jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn, „der auf seiner Identität beharrt, sich Elemente der nichtjüdischen Welt kulturell aneignet, aber immer Jude bleiben wird.“ Dann sehen wir den protestantischen Pfarrer. Er will Mendelssohn davon überzeugen zu konvertieren. „Er steht für einen Universalismus, der von seiner Wahrheit überzeugt ist, sich auch vor Juden nicht mäßigt und sie zu Christen umformen und damit bürgerlich verbessern will.“ Lessing schließlich versteht sich als frei schwebender Intellektueller. „Er sucht das Gespräch, streitet, nimmt den nächsten Zug auf dem Schachbrett vorweg.“ Lessing war nicht nur ein stiller Bewunderer von Mendelssohn. Er hat ihm in seinem Werk „Nathan der Weise“ ein bleibendes Denkmal gesetzt.  

Die Freundschaft zwischen Lessing und Mendelssohn, die Freundschaft zweier Denker, deren innerliche Freundschaft die äußerliche Verschiedenheit überwindet, wird für viele Juden zum Ideal und Paradigma bürgerlichen Zusammenlebens. Sznaider weiß um den Wert der Freundschaft. Aber er erkennt auch ihre Begrenztheit, denn aus dieser Freundschaft zwischen einem Juden und einem Christen, die sich gegenseitig anerkennen, können seiner Auffassung nach keine kollektiven Ideale abgeleitet werden. „Die Freundschaft war auf die beiden beschränkt. Sie spielen Schach miteinander, und sicher ist ihre Beziehung etwas Besonderes, aber sie taugt nicht als Paradigma für jüdisch-nichtjüdische Beziehungen“.

Mendelssohn steht für Bürgerrechte, die Juden und Jüdinnen in »Mitbürger« verwandeln, „er steht für Emanzipation, für die Befreiung der Juden aus ihrem selbst auferlegten Joch“. Mendelssohn lebt im Zeitalter der Aufklärung, er spricht, schreibt und handelt im Geiste der Aufklärung und entwirft seine Vorstellung, was die Aufklärung für jüdische Menschen bedeutetet kann, nämlich nicht nur die rechtliche Anerkennung als gleichberechtigte Bürger, sondern mehr noch die gesellschaftliche Anerkennung als gleichberechtigte Menschen.

Aufklärung

Während ich die „Jüdische Wunde“ lese, besuche ich in Potsdam die Ausstellung „Die Macht der Aufklärung. Walking with Kant“. Die Protagonisten der Aufklärung glauben, dass wir durch Denken, Wissen und Wissenschaft die Welt verbessern können. Deshalb setzen sie sich für Dinge ein wie für Bildung, für die Freiheit des Denkens und für Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Religionen.

Die Aufklärung geht davon aus, dass alle Menschen Vernunft besitzen. Alle Menschen sollten gleiche Rechte haben. Allgemeine Regeln sollten für alle gelten. Es entsteht die Idee der universellen Menschenrechte: Jeder Mensch soll frei und gleich sein. In der Ausstellung in Potsdam erfahren wir, dass Kant darauf besteht, dass wir von den kulturellen Unterschieden, die uns trennen, absehen, um die menschliche Würde in jedem einzelnen anerkennen zu können. Dies erfordert den Gebrauch der Vernunft.

In Potsdam sehen wir aber auch einen verzweifelten Kant, der mit seinen Idealen der menschlichen Vernunft allein im Regen steht. Er fällt hin, auf den nassen Boden, und rappelt sich wieder auf. Er spricht vom Mut , den es braucht, eigenständig zu denken – und wie schwer das ist. Der Universalismus ist alles andere als eine leichte Übung. Vielleicht ist es die schwerste Übung. Vielleicht, und davon geht Natan Sznaider aus, ist die Konzeption der Universalität, so liberal und sozial sie daherkommt, gar nicht möglich. Auf jeden Fall nicht für Jüdinnen und Juden.

Hannah Arendt

Für seinen Zweifel am Universalismus holt sich Natan Sznaider Hannah Arendt an seine Seite. Er folgt ihrer Argumentation und ihrer jüdischen Sicht. Dabei zitiert er weniger aus ihren berühmten Schriften, sondern vor allem aus ihrer Rede, die sie 1959 in Hamburg anlässlich der Verleihung des renommierten Lessing-Preises an sie gehalten hat.

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Schon viel früher, noch vor dem Holocaust, schreibt Hannah Arendt 1932 einen kleinen Essay, in dem sie sich mit dem Universalismus der Aufklärung auseinandersetzt. In diesem Essay argumentiert sie gegen Lessing und Mendelssohn. Sie befürchtet, dass Aufklärung und Judenemanzipation, die aus Juden »gleiche« Staatsbürger schaffen wollen, Juden als Kollektiv schutzlos lassen.

Bekanntlich gelingt es der Jüdin Hannah Arendt, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Sie wird später in Frankreich inhaftiert. Dort gelingt ihr die Flucht und die Ausreise in die USA, wo sie bleibt. Bis zu ihrem Lebensende ist sie damit beschäftigt, den Zivilisationsbruch der Moderne zu verstehen. „Es ging ihr vor allem darum, das Jüdischsein nach dem Holocaust verstehen zu wollen,“ so interpretiert Sznaider ihr umfangreiches Schaffen.

1949 kommt sie zum ersten Mal seit ihrer Flucht nach Deutschland, ihr Besuch wird zu einer persönlichen Abrechnung mit Deutschland. „Sie kann kaum glauben, dass niemand über die jüdische Tragödie reden will. Sie schreibt über die Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit in dem zerbombten Land. Es macht sie traurig und wütend, dass sie kein Mitgefühl für die ermordeten Juden verspürt. Selbstverliebt und ohnmächtig sieht sie die Menschen, mit denen sie in Kontakt kommt“.

1959 reist sie ein weiteres Mal nach Deutschland, um den Lessing-Preis entgegenzunehmen. Die Situation ist skurril. Die Initiatoren der Preisverleihung verbinden mit dieser Geste den Versuch einer Versöhnung sowie „die Hoffnung, die deutsch-jüdische Tradition könne die Barbarei überwinden“. Aber geht das überhaupt, fragt Sznaider, „nach 1945 zu einer universalen Humanität zurückzukehren? Es geht um nichts weniger als das. Und das ist wahr auch für das Jahr 2023.“

Hannah Arendt sucht nicht die Versöhnung mit Deutschland, sie klagt, beklagt die Ermordung der jüdischen Bevölkerung. „Arendts Rede fokussiert auf das Schicksal der Juden und widersetzt sich der Idee, dass am Ende alle Opfer sind.“ Hannah Arendt und auch Natan Sznaider, der sie zitiert, geht es „nicht um die Bewältigung der Vergangenheit, sondern um die sich wiederholende Klage und das ständige Nacherzählen, was sich ereignet hat und ereignet.“

Hannah Arendt ist zum Zeitpunkt der Preisverleihung keine Deutsche mehr. Jüdischen Menschen wird von den Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, wenn sie ins Ausland fahren, ganz gleich, ob zur Flucht oder zur Ermordung. Hannah Arendt ist jetzt amerikanische Staatsbürgerin.

Israel

„Nach dem Vernichtungskrieg gegen die europäischen Juden wuchs die Dringlichkeit, einen eigenen Staat zu gründen, der 1948 Wirklichkeit wurde und aus europäischer Sicht den Jüdinnen und Juden endlich Freiheit und Gerechtigkeit versprach.“ Für Sznaider, der ja fast sein ganzes erwachsenes Leben in Israel verbringt, ist Israel mehr als nur ein Fluchtort: „Die Gründung des Staats Israel als jüdischer Staat oder Judenstaat verändert das Verhältnis von Moderne und Judentum von Grund auf. Es bringt die Ausübung politischer Souveränität in die jüdischen Lebenswelten.“

Die israelische Souveränität verändert den jüdischen Blick von Grund auf. „Juden sind nicht mehr Fremde und Marginalisierte, sondern verfügen als souveräne Subjekte über Macht. Der Zionismus ist eine Befreiungsbewegung für jene, die nicht dazugehörten, die unterdrückt und diskriminiert waren.“

Durch die Gründung des Staates Israel wird der Konflikt zwischen Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit, wie er schon immer im europäischen Kontext existiert, nun in Israel selbst verhandelt. „Die Souveränität macht das Jüdische wieder sichtbar, obwohl der politische Zionismus vom aufklärerisch inspirierten Impuls der Unsichtbarkeit ausging, die Juden wie alle anderen Völker werden zu lassen.“

Die jüdische Erfahrung, nirgends auf der Welt willkommen zu sein, machte den Staat Israel nötig. „Ein sicherer Ort sollte geschaffen werden, der auch dann vor der Rolle des Opfers schützt, wenn alle anderen Orte unerreichbar werden. Also nicht nur ein Staat, sondern viel mehr noch ein theologisch überhöhter Fluchtort. Auf der anderen Seite versteht sich dieser Staat Israel auch als Demokratie. Eine politische Staatsform, die im Zuge der Emanzipation und Aufklärung ihre moderne Form erlangte.“ Die jüdische Bevölkerung in Israel will jüdisch und gleichzeitig demokratisch sein, einzigartig und universell.

Dieser Widerspruch führt nach Sznaider zu den aktuellen Konflikten in und um Israel, unter denen heute so viele Menschen leiden. „Der Staat Israel steht auch für die aktive, wehrhafte Haltung von Juden und Jüdinnen. Israelische Juden greifen nun aktiv in die Geschichte ein, vertrauen auf sich und warten nicht auf die Erlösung durch den Messias. Dazu gehört auch Gewaltanwendung, wenn das jüdische Kollektiv sich verteidigen muss.“ Der Staat Israel legitimiert sich aufgrund des modernen Anliegens, Sicherheit für seine Bürgerinnen und Bürger zu garantieren und sich nicht mehr allein auf Gott zu verlassen. „Diese Sicherheit ist notwendig, weil die Ausübung jüdischer politischer Souveränität seit Beginn der zionistischen Bewegung vor mehr als 100 Jahren von Teilen der arabischen Bevölkerung außerhalb Israels nie akzeptiert wurde und wird.“

Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß

Der Schock vom Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 sitzt auch bei Sznaider tief. „Viele Stunden dauerte die Hassorgie der Hamas. Das Land ist für mehrere Stunden von Terroristen besetzt, die Menschen sind ihnen und ihren Grausamkeiten hilflos ausgeliefert. Erinnerungen an die jüdische Geschichte werden wach. Vielleicht sollte dieses Massaker ganz gezielt die kollektiven Erinnerungen an Pogrome und Shoah wieder wachrufen.“ Erinnerungen sind für Snaider „Tragödien und offene Wunden, die nicht geschlossen werden können“, die jüdische Vergangenheit kann nicht bewältigt werden, weil die Vergangenheit eben irreversibel Vergangenheit ist.

Ambiguität

Aber „Tragödien können auch Brücken zwischen den Spannungen des Universalismus und des Partikularismus schlagen, weil sie zu beiden Bereichen gleichzeitig gehören. Das ist Ambiguität und Teil des jüdischen Schicksals, wobei es um Konflikt und nicht um Harmonie geht.“

Der Begriff der Ambiguität, den Sznaider hier einführt, ist für ihn wesentlich, und zwar für das Leben jetzt. „Jüdinnen und Juden praktizieren mit ihrem Leben zwischen Anpassung und Autonomie Ambiguität, ob sie es wollen oder nicht.“ Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit. Es beschreibt, wenn etwas auf verschiedene Arten verstanden werden kann. Zum Beispiel kann ein Satz, ein Wort oder eine Situation unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, wie man es betrachtet. Es gibt keine klare, eindeutige Antwort, sondern mehrere Möglichkeiten. Und dann geht es um die Fähigkeit, Ambiguität zu ertragen.

Den Begriff der Ambiguität entwickelte die jüdische Psychologin Else Frenkel-Brunswik in den 1940er Jahren in den USA. Aus psychoanalytischer Perspektive will sie empirisch belegen, dass Hass und Liebe gleichzeitig empfunden werden können, dass zu einer komplexen Persönlichkeit Ambiguitätstoleranz gehört. „Else Frenkel-Brunswik sah in der Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten, den Schlüssel zur autoritären Persönlichkeit, also auch den Schlüssel zu antijüdischen Ressentiments.“

Ambiguitätstoleranz ist eine Provokation für Menschen, „die ein einfaches Leben ohne Ambiguitäten innerhalb klar definierter Grenzen propagieren. Sie wollen komplexe soziale Zusammenhänge vereinfachen.“ Immer geht es ihnen darum, die Welt ohne Widersprüche und Mehrdeutigkeiten zu sehen, Konflikte in Freund-Feind-Gegensätzen zu beschreiben.

Sznaider weiß, dass Ambiguitätstoleranz im Alltag schwierig ist, aber sie bereichert auch. „Doppelte Erfahrung und doppeltes Bewusstsein machen es möglich, die Welt distanzierter zu betrachten, parallele Linien der Erfahrung zu erkennen, unterschiedliche Fluchtpunkte, ohne den eigenen Standpunkt mit dem anderen zu versöhnen.“ Die Kunst bei der Ambiguitätstoleranz ist es, nicht ins Beliebige zu verfallen, nach dem Motto, alle Gedanken sind richtig. Dann sind wir in der Konsequenz bei keinem Standpunkt. Die Kunst ist es, den Gegensatz gleichzeitig zu denken, und das kann weh tun, aber zugleich das Bewusstsein öffnen.

Persönliche Gedanken zum Schluss

Der Begriff der Ambiguität ist für mich eine Entdeckung. In der Folge stoße ich auf ein Buch der Psychologin Nesibe Kajraman mit dem Titel „Alles, was dazwischen liegt – von der Kunst, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeiten auszuhalten“. Ein Buch kann Türen öffnen, und im nächsten Buch geht dann eine weitere Tür auf.

Hannah Arendt ist nun auch in mein Blickfeld geraten. Anlässlich ihres 50. Todestages veranstaltete die Volkshochschule Neukölln in der Gropiusstadt eine Vorlesungsreihe zu ihren politischen Theorien, etwa zu ihrem Begriff des Bösen oder zum Totalitarismus. Ich besuche einige dieser Vorlesungen, mein Kopf beginnt zu schwirren.

Obgleich es nicht das Thema in Natan Sznaiders Buch ist, möchte ich jetzt wissen: Was ist eigentlich jüdisches Leben jenseits der „Schicksalsgemeinschaft“, die er beschreibt? Seitdem sammle ich kleine Mosaiksteinchen ein, um mir ein Bild zu machen. Bei einem Spielfilm, den das Jüdischen Filmfest zeigte, finden alle Dialoge ausschließlich beim gemeinsamen familiären Essen statt. Ich sehe, es geht nicht nur ums Essen, sondern auch um die Verantwortung für das richtige Essen im Verhältnis zu übergeordneten Werten. Und wenn es mal nicht so funktioniert, dann gibt es oft einen augenzwinkernden Ausweg.

Vor kurzem lädt die TAZ hier in Berlin zur Buchpräsentation „Worüber Juden reden“ ein. Eine Journalistin und ein Journalist der „Jüdischen Allgemeinen“ berichten davon, wie sie jeweils vier jüdische Menschen an einen Tisch bringen. Sie stellen ihnen Fragen und hören ihnen bei gemeinsamen Gesprächen zu. Mal geht es um jüdische Sichtbarkeit, mal geht es um die Frage, ob es besser sei, nach Israel auszuwandern. Oder aber umgekehrt, ob es nicht besser sei, von Israel nach Deutschland umzusiedeln. Viele der Interviewten sitzen im Publikum und ergänzten das Podium. Sie stehen für die Vielfalt jüdischen Lebens und jüdischer Sichtweisen.

Für mich zieht Natan Sznaider in seinem Buch eine Grenze. Einerseits lädt er dazu ein, über jüdische Ambiguität zwischen Autonomie und Anpassung nachzudenken. Andererseits macht er deutlich: Wir sind die Juden, und ihr seid es nicht. Das ist keine Einladung zur Verschmelzung, sondern zur Anerkennung von Unterschiedlichkeit. Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung seines Buches. Es fordert nicht dazu auf, Widersprüche aufzulösen, sondern sie auszuhalten. Und es erinnert daran, dass Begegnung nicht erst dort möglich wird, wo alle gleich sind, sondern gerade dort, wo Unterschiede bestehen bleiben.

Als ich das Buch zuklappe, nehme ich weniger Antworten mit als neue Fragen. Manche Bücher begleiten einen nur für die Dauer der Lektüre. Andere öffnen Türen, hinter denen weitere Türen sichtbar werden. Die jüdische Wunde gehört für mich zu diesen Büchern.

Natan Sznaider, Die jüdische Wunde. Leben zwischen Anpassung und Autonomie, 1. Auflage 2024. ISBN 978-3-446-28131-8

Nach oben scrollen