Buchvorstellung
Manche Bücher kommen genau dann zu uns, wenn wir sie brauchen – auch wenn wir das erst viel später merken. Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész ist für mich so ein Buch.
Normalerweise suche ich mir meine Lektüre gezielt aus. Ein Thema weckt mein Interesse, ich lese ein paar Hinweise, recherchiere und bestelle das Buch. Hier jedoch war es anders: Der Roman lag eines Tages einfach da, ein Geschenk, dessen Ursprung ich nicht mehr genau kenne. Lange stand das Buch ungelesen im Regal. Eines Morgens – mein Stapel ungelesener Bücher war aufgebraucht – griff ich ins Regal und hielt plötzlich diesen Roman in der Hand. Auf dem Klappentext sprang mir ein Wort entgegen: Auschwitz. Einen Moment lang zögerte ich. Damals las ich meine Bücher immer morgens in der S-Bahn. Wollte ich den Tag mit Auschwitz beginnen? Gibt es überhaupt eine Tageszeit, die diesem Thema gerecht wird?
Ich wagte es. Und von der ersten Seite an ließ mich das Buch nicht mehr los.





Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß
Der Erzähler ist vierzehn Jahre alt, lebt in Budapest bei seiner Stiefmutter und muss als Jude die Schule verlassen, um in einer Fabrik zu arbeiten. Eines Tages stoppt ein Polizist seinen Bus. Alle jüdischen Jungen müssen aussteigen, niemand weiß warum. Sie werden zu einer Sammelstelle geführt, wo schon viele andere warten – jüdische Männer, Frauen und Kinder. Von dort beginnt die tagelange Fahrt im Güterwagen nach Auschwitz.
Gleich bei der Ankunft folgt die Selektion: arbeitsfähig oder nicht. Der Junge behauptet, älter zu sein, und wird eingestuft, um arbeiten zu können – ein Rat, den ihm Mitgefangene kurz vorher gaben. Statt Gas kommt in der Dusche tatsächlich Wasser. Er wird nach Buchenwald gebracht, später in ein Außenlager verlegt, schuftet in einer Rüstungsfabrik, erkrankt schwer, überlebt wie durch ein Wunder und kehrt nach der Befreiung zurück nach Budapest.
Die eigentliche Qual liegt im Verlust des vertrauten Lebens
Was diesen Roman so besonders macht? Trotz der schweren Thematik liest er sich erstaunlich leicht. Das liegt an der Stimme des Erzählers – jung, staunend, irritiert, manchmal fast naiv. Für ihn gibt es keine klaren „bösen Nazis“; die Gewalt erscheint indirekt. Es sind oft Mithäftlinge, die Befehle ausführen oder strafen. Die eigentliche Qual liegt in der Enge, der Kälte, dem Verlust des vertrauten Lebens – im Zusammengedrängtsein in Sammelstellen, Waggons, Schlafsälen.
Wir wissen heute, wie geplant und systematisch die Vernichtung der Juden ablief. Doch der Junge im Roman kennt diesen Blick von außen nicht. Er beschreibt, wie sich das Leben Stück für Stück verkleinert, wie alles Menschliche verkümmert. Wer noch aufbegehrt, wird beseitigt.
Beim Lesen blieb mir vieles im Gedächtnis – nicht nur die großen Szenen, sondern auch winzige Momente. Einmal musste ich nach einer besonders eindringlichen Passage am Ostkreuz aussteigen, das damals noch eine Baustelle war. Im Regen stand ich zwischen schweigenden Menschen, die langsam zur Treppe gingen. Und ich sah für einen Augenblick die Menschen vor mir, die im Buch aus den Güterwagen steigen, um zur Selektion zu gehen.





Alle Fotos zur Illustration des Beitrags sind aus meinem Bildarchiv (c) Erik Boß
Vielleicht zeigt dieser Roman auf besondere Weise, wie Faschismus funktioniert: Die Befehle kommen von oben, aber der Ablauf gelingt, weil alle – selbst die Opfer – den vorgegebenen Strukturen folgen. Am Ende überwachen sich die Häftlinge fast selbst. Dieses stille, schleichende Grauen durchzieht jede Seite.
Imre Kertész starb im Alter von 87 Jahren in Budapest. 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Sein Roman eines Schicksallosen bleibt für mich eines jener Bücher, die man nie wieder ganz aus der Hand legt – auch wenn man sie längst ausgelesen hat.

Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen. Veröffentlicht im Jahr 1975, hier gelesen in der 17. Auflage Januar 2004. ISBN 3 499 22576 x

