Auf der Demo „Haltung zeigen!“

Anlässlich der Grünen Woche findet die Demo „Haltung zeigen“ statt. Ich bin dabei und doch am Rand. Vier Fotos begleiten Gedanken über Engagement, Zweifel und darüber, wie Haltung sichtbar wird.

Die Luft ist eisig, aber ich bin gut eingepackt. Die Wollmütze sitzt tief über den Ohren, der schwarze Daunenmantel hält warm. Langsam gehe ich durch das Brandenburger Tor. Schon von weitem sind Stimmen zu hören, zunächst nur ein vielstimmiges Drängen, dann, auf der anderen Seite des Platzes, klarer und bestimmter.

Auf der Bühne stehen Rednerinnen am Mikrofon. Sie fordern überprüfbares Tierwohl, gesunde Lebensmittel und eine wirtschaftliche Existenzsicherung für kleine bäuerliche Betriebe. Immer dann, wenn in Berlin die Grüne Woche stattfindet, organisiert ein breites Bündnis diese Demonstration. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto: Haltung zeigen.

Nur halbherzig dabei

Ob man mir ansieht, dass ich heute nur halbherzig dabei bin?
Nicht nur wegen der Kälte. Kurzfristig musste Roland absagen, mit dem ich heute nicht nur Haltung zeigen, sondern auch fotografieren wollte. Seit über zehn Jahren streifen wir in unregelmäßigen Abständen gemeinsam durch Berlin, auf der Suche nach Motiven, nach Blickwinkeln.

Nun bin ich allein. Und statt eines Dialogs beginnen innere Stimmen zu sprechen. Ich merke, wie ich langsamer werde, wie mein Blick sich weniger nach außen richtet als nach innen.

Randfigur

Ich denke an meine erste Demo hier, vor etwa acht Jahren. Damals war ich mit Leuten aus dem grünen Kreisverband unterwegs. Treffpunkt war nicht das Brandenburger Tor, sondern hinter dem Hauptbahnhof. Ich war frisch bei den Grünen. Vorne im Block lief Annalena Baerbock, gemeinsam mit anderen, das grüne Banner tragend.

Wenn ich mir heute die Fotos von damals anschaue, fällt mir auf, wie vertraut mir die Parolen sind:
Agrargifte? Nein danke.
Kleinbäuer:innen stärken.
Wir haben’s Glyphosatt.
Und schon damals: Haltung zeigen. Acht Jahre später sind es dieselben Forderungen. Und ich selbst? Schon lange gehe ich nicht mehr zum Kreisverband. Ich fühle mich dort nicht wohl. Ich bin ein passives Mitglied geworden, eine Randfigur. So wie heute auf dieser Demo. Nur zu Beginn wage ich mich kurz ins Getümmel, um ein paar Fotos zu machen. Später begleite ich den Demozug lieber vom Gehweg aus.

Seitenblicke

Neben mir, vom Anhänger eines Traktors, schallt der Hinweis auf das Holocaustdenkmal. Verbunden mit der Forderung, es dürfe niemals eine braune Landwirtschaft in diesem Land geben. An diesem Ort denke ich an etwas anderes.

Nach dem Überfall der Hamas auf jüdische Menschen in Israel war ich hier. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der GEW legten wir rote Rosen auf die Stelen. Der Platz hat für mich seitdem eine zusätzliche Schwere.

Der Demozug zieht nicht Richtung Potsdamer Platz, sondern biegt in die Hannah-Arendt-Straße ein. Im vergangenen Jahr bin ich Hannah Arendt zum ersten Mal intensiver begegnet, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu ihrem 50. Todestag. Seitdem lese ich in ihrem Werk, tastend, suchend. Vielleicht wird hier im Blog bald eines ihrer Bücher auftauchen.

Die Demo erreicht das Landwirtschaftsministerium. Ein Ort, an dem Entscheidungen für eine nachhaltige und gesunde Landwirtschaft getroffen werden könnten — wenn der Wille dafür da wäre. Aktuell fehlt mir dieser Wille. Die taz hat im Vorfeld ausführlich darüber berichtet.

Schnell weg hier

Statt einer langen Kundgebung setzen die Veranstalter auf Bewegung. Ein kurzer Sprint, fast spielerisch. Das erheitert mehr als eine weitere Anklagerede. Vorne läuft ein junger Mann mit Megafon, gibt den Sprechgesang vor:
Ohne Bienen gibt’s kein Bier — darum demonstrieren wir hier.

An der Friedrichstraße verlasse ich den Zug. Ich fahre nach Hause.

Haltung zeigen

Was bedeutet es eigentlich, Haltung zu zeigen?
Mir gefällt die Doppeldeutigkeit des Begriffs im Zusammenhang mit dem Tierwohl. Hier sind sich viele einig, wie eine Tierhaltung aussehen muss, die diesen Namen verdient.

Aber was ist mit uns Menschen? Wie zeigen wir Haltung? Müssen wir dazu auf Demonstrationen gehen? Oder gibt es andere Formen, ebenso gültig?

Beim Schreiben wird mir klar, dass mir dieser Begriff aus einem anderen Zusammenhang vertraut ist. Im zwischenmenschlichen Leben ist es wichtig, eine klare Haltung einzunehmen, damit andere wissen, woran sie sind. Haltung sagt zunächst nichts über die Qualität einer Meinung aus. Aber sie macht sichtbar, wofür ich stehe.

Kein Rumeiern. Nie wieder Schweigen. Schluss mit dem Verstecken.
Haltung zeigen — und dann vielleicht streiten. Respektvoll, zuhörend, aufmerksam für die Haltung der anderen.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich diese Demo, diese Fotos und meine eigenen Gedanken berühren.

Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß

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