In der südlichen Chausseestraße

Im Monopolyspiel ist die Chausseestraße eine der weniger wertvollen Straßen. In Berlin ist sie Erinnerungsort und Schmuckkästchen.

Seit vielen Jahren ist die GEW meine Gewerkschaft – auch jetzt noch, da ich meine nachberufliche Lebensphase genießen darf. Gelegentlich lädt sie zu besonderen Veranstaltungen ein, diesmal zu einem Spaziergang entlang der Chausseestraße in Berlin-Mitte.

Wir beginnen unseren Weg am Oranienburger Tor, dort, wo die Friedrichstraße endet. Gleich das erste Haus auf der linken Seite trägt die Nummer 131. Vor vielen Jahren wohnte hier Wolf Biermann. Sofort erinnere ich mich an ein Konzert mit ihm im ausverkauften Pavillon in Hannover, kurz nach seiner Ausbürgerung. Manche Erinnerungen tauchen unvermittelt wieder auf, sobald man an einem bestimmten Ort steht.

Doch nicht nur hinter dieser Hausnummer verbergen sich Geschichten. Während wir die Straße entlanggehen, betrachten wir die Fassaden – eine lebendige Mischung aus Alt- und Neubauten. Immer wieder öffnen sich Tore zu Hinterhöfen, und manchmal führt der Weg sogar ins Innere eines Gebäudes. Wir entdecken ein spiralförmiges Treppenhaus, stoßen auf einen Gedenkstein für Karl Liebknecht in einem verschlossenen Hof und lernen, dass sich das Tor dorthin durch einen Klingelknopf mit der schlichten Aufschrift „Denkmal“ öffnen lässt.

Auch in der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in einer kleinen Nebenstraße dürfen wir einen Blick hinter die Kulissen werfen und entdecken die kleine Puppenstube, in der Requisiten für Aufführungen aufbewahrt werden.

Die Chausseestraße hat in zwei Jahrhunderten fünf Gesellschaftssysteme erlebt. Vielleicht ist es gerade diese Geschichte, die ihr ihren besonderen Charakter verleiht. Gewerbehöfe, Friedhöfe, Wohnanlagen, Orte der Kreativ- und Medienbranche – vieles liegt dicht nebeneinander und wirkt doch ganz selbstverständlich verbunden.

Ohne die fachkundige Führung wäre ich vermutlich an manchem Ort achtlos vorbeigegangen. So aber wurde aus einem einfachen Spaziergang ein langsames Entdecken. Und noch lange später begleitet mich das Gefühl, dass manche Straßen ihre Geschichten erst erzählen, wenn man bereit ist, aufmerksamer als sonst durch sie hindurchzugehen.

Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß

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