Über das Böse

Hannah Arendt forscht nach den Ursachen des Bösen und findet sie nicht im Monströsen, sondern in einer alltäglichen und banalen Gleichgültigkeit.

Buchvorstellung


Hannah Arendt wird 1906 in Hannover-Linden geboren. Genau in dem Stadtteil, in dem auch ich bis zu meinem Umzug nach Berlin lebe. Aber außer ihrem Namen weiß ich damals noch nichts von ihr. Ich werde erst durch Natan Szaniders Jüdische Wunde auf sie aufmerksam. Dessen Text habe ich hier in Flanieren & Lesen im Juni vorgestellt.

Hannah Arendt in der Gropiusstadt

Bevor ich mir das erste Buch von Hannah Arendt bestelle, will es der Zufall, dass ich von einer Vortragsreihe an der Volkshochschule Neukölln erfahre. Hier wird anlässlich ihres 50. Todestages an sechs Abenden ihr Werk vorgestellt. So sitze ich dann mehrmals in der Gropiusstadt in der riesigen Aula einer neugebauten Gesamtschule. Neben mir ein kleines Häuflein von nicht einmal zehn interessierten Menschen. Wir hören aus berufenem Mund von ihrem spannenden Leben und Denken.

Das Buch, das ich heute vorstelle, ist die Niederschrift einer Vorlesung, die Hannah Arendt in den sechziger Jahren in New York an der Hochschule hält. Vor dem Hintergrund des Eichmann-Prozesses und der »Verbrechen, die niemand für möglich gehalten hätte« denkt Hannah Arendt hier über Fragen der Ethik und vor allem über das Böse nach. Der von ihr geprägte Begriff von der Banalität des Bösen ist mir bereits bekannt. Jetzt möchte ich mich selbständig in ein von ihr verfasstes Werk über das Böse hineinlesen.

Eine kurze Abschweifung

Bevor ich mit meiner Buchvorstellung beginne, sei mir eine kurze Abschweifung gegönnt. Mein Blog Flanieren & Lesen sehnt sich nach einem schönen und würdevollen Leben, so beginnt hier jede Seite. Passt ein Text über das Böse dazu? Ist das Böse eine Macht mit der Kraft, ein schönes und würdevolles Leben mit Gewalt zu zerstören? Dann scheint es mir wichtig, das Böse zu benennen und es zu verstehen. Und ihm entgegenzutreten, auch wenn das nicht schön ist.

In diesen Tagen passieren in Sachsen-Anhalt beunruhigende Dinge. Beginnt das Böse bereits in der Wahlkabine? Können die Gedanken eines Buches, welches als Mahnung und aus der Erinnerung an die Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten geschrieben wurde, uns heute dabei helfen, die Demokratie zu schützen? Dies ist meine Hoffnung, als ich mit dem Lesen beginne.

Niemand will böse sein

In ihrem Buch Über das Böse sucht Hannah Arendt die Antwort auf die Frage: „Was ist das Böse?“ in der Philosophie. Sie zitiert Sokrates, Aristoteles und Kant. Sie sucht die Antwort im gesamten Buch dagegen nicht in der Soziologie oder der Psychologie. Das Böse ist für Hannah Arendt eine philosophische Kategorie, an der wir menschliches Verhalten messen können.

Zunächst einmal geht Hannah Arendt davon aus, dass es für den Menschen unmöglich ist, vorsätzlich schlechte Dinge zu tun. Quasi das Böse um des Bösen willen. „Niemand will böse sein“. Und doch gibt es Menschen, „die trotzdem böse handeln“. Wie passt das zusammen? Dies ist genau das philosophische Problem, das Arendt beschäftigt.

Das Böse, das existiert (und wir wissen, sie denkt an die Verbrechen der Nationalsozialisten), wird von ihr nur angedeutet und im ganzen Buch nicht ausgemalt: „Das wirklich Böse ist das, was bei uns sprachloses Entsetzen verursacht, wenn wir nichts anderes mehr sagen können als: Dies hätte nie geschehen dürfen.“

Böses ist Unrecht

Das Böse ist nicht lediglich eine verwerfliche Handlung, es ist zugleich eine moralische Wertung. Wer Böses tut, begeht Unrecht. „Niemand will böse sein, und jene, die trotzdem böse handeln, fallen in eine moralische Absurdität. Der, der das tut, befindet sich eigentlich im Widerspruch mit sich selbst, mit seinem eigenen Verstand und muss sich deshalb, in Kants Worten, selbst verachten.“

Wenn wir der Selbstverachtung aus dem Wege gehen wollen, wenden wir einen Trick an, wir erfinden die Ausnahme. „Alle Übertretungen werden von Kant so erklärt, dass ein Mensch versucht ist, Ausnahmen hinsichtlich eines Gesetzes zu machen, das er im Übrigen als gültig anerkennt. Das heißt, der Dieb erkennt die Eigentumsgesetze an, ja er selbst wünscht sich, unter ihrem Schutz zu stehen, und gestattet sich zu seinen eigenen Gunsten nur eine zeitweilige Ausnahme.“ In der Alltagssprache nennen wir das wohl Doppelmoral.

Die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden

Man könnte meinen, die christlichen Kirchen seien ein verlässlicher Kompass, wenn es darum geht, Recht von Unrecht zu unterscheiden. Hannah Arendt macht aber darauf aufmerksam, dass es gerade die christliche Tradition des Abendlandes schwierig macht, diese Unterscheidung zu treffen.

In der abendländischen Tradition hat sich eine Argumentation durchgesetzt, nach welcher der Mensch weder fähig ist, automatisch gut, noch bewusst böse zu handeln. Der Mensch wird verleitet, „Böses zu tun, und er muss sich anstrengen, um Gutes zu tun. Diese Vorstellung hat sich so tief eingewurzelt – nicht durch das, was Jesus von Nazareth gelehrt hat, sondern durch die Lehren der christlichen Moralphilosophie – dass Menschen gewöhnlich das als Recht ansehen, was sie nicht tun mögen, und all das als Unrecht, was sie in Versuchung bringt.“

Die Versuchung

Hannah Arendt bringt hier die Versuchung ins Spiel und grenzt sie von der Vernunft ab. „Der Mensch ist nicht nur ein Vernunftwesen, er gehört auch in die Welt der Sinne, die ihn der Versuchung aussetzen werden, seinen Neigungen, anstatt seiner Vernunft und seinem Herzen zu folgen.“ Für Kant, dem Verfechter der Vernunft, ist das Böse die Konsequenz, seinen Neigungen, statt seiner Vernunft zu folgen.

Aber auch Kant erkennt einen Ausweg, mit dem begangenen oder befürchteten Unrecht umzugehen, wenn man seinen Neigungen folgt. „Kant natürlich wusste, dass es mit Selbstverachtung, besser mit der Furcht, sich selbst verachten zu müssen, oft nicht ging, und seine Erklärung hierfür war, dass der Mensch sich selbst belügen kann. Deshalb hat er wiederholt erklärt, dass der wirklich »faule Fleck« in der menschlichen Natur die Verlogenheit, das Vermögen zu lügen sei.“

Im Zuge der Aufklärung ist die religiöse Moral zusammengebrochen. „Niemand fürchtete nun mehr einen rächenden Gott oder, noch konkreter gesprochen, mögliche Strafen im Jenseits.“ Dies hat zur Folge, dass sich die Grenzen dessen, was sich eine Persönlichkeit zu tun erlaubt, „sich in beachtlicher Weise von Person zu Person, von Land zu Land, von Jahrhundert zu Jahrhundert ändern können.“

Grenzüberschreitungen

Gefährlich wird es, wenn Grenzen überschritten werden. Aber wo ist die Grenze? Hannah Arendt drückt es so aus: „Grenzen fehlen dort, wo Menschen nur über die Oberfläche von Ereignissen dahingleiten, wo sie sich gestatten, davongetragen zu werden, ohne je in irgendeine Tiefe, derer sie fähig sein mögen, einzudringen.“

Hannah Arendt geht davon aus, dass eine Person, die in ihren Gedanken und Erinnerungen verwurzelt ist und also weiß, dass „sie mit sich selbst zu leben hat, wird es Grenzen geben zu dem, was sie sich selbst zu tun erlauben kann, und diese Grenzen werden ihr nicht von außen aufgezwungen, sondern selbst gezogen sein.“

Das Selbst

Hier führt Hannah Arendt den Begriff des Selbst ein. Das Verhältnis zum eigenen Selbst ist für sie ein Schlüssel zum Verständnis des Bösen. Zunächst erinnert sie uns daran, dass „die wenigen moralischen Sätze, die angeblich alle besonderen Vorschriften und Gebote zusammenfassen, wie etwa »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« oder »Was du nicht willst, dass man dir tu, füge keinem Andern zu«“ das Selbst zum Maßstab haben. Und in diesem Zusammenhang definiert sie, was für sie Persönlichkeit bedeutet: „Persönlichkeit ist das einfache, beinahe automatische Ergebnis von Nachdenklichkeit.“

Das Selbstgespräch

Persönlichkeit entsteht für Hannah Arendt im Zwiegespräch des Menschen mit sich selbst. Demensprechend ist auch moralisches Verhalten für sie vor allem vom Umgang des Einzelnen im Gespräch mit sich selbst abhängig. Im Gespräch mit sich selbst, im Nachdenken über sich selbst, entdeckt das Individuum, was es sich verbieten muss, wenn es mit sich selbst in Einklang leben will. „Bestimmte Dinge kann ich nicht tun, weil ich danach nicht mehr in der Lage sein würde, mit mir selber zusammenzuleben.“

Fehlende Selbstreflexion

Hannah Arendt gewinnt den Eindruck, dass NS-Verbrecher dieses Zwiegespräch mit sich entweder nicht führen können oder nicht führen wollen. Es scheint ihnen nichts auszumachen »in unerträglicher Intimität« mit einem Übeltäter zu leben. „Das Lästige an den Nazi-Verbrechen war gerade, dass sie willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften verzichteten, als ob dann niemand mehr übrigbliebe, der entweder bestraft oder dem man vergeben könnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt.“

So wird für Hannah Arendt das Böse deutlich: „Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“ Und weiter: „Übeltäter, die sich weigern, selbst darüber nachzudenken, was sie tun, und die sich auch im Nachhinein gegen das Denken wehren – also sich weigern, zurückzugehen und sich an das zu erinnern, was sie taten – es eigentlich versäumt haben, sich als ein Jemand zu konstituieren.“

Das Böse zeigt sich als völlige Gedankenlosigkeit. Es zeigt sich als ein Unwillen oder die Unfähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen und sich vorzustellen, welche Folgen das eigene Handeln für diese hat – weil die Beziehung zum eigenen Selbst verloren gegangen ist oder sich nicht entwickeln konnte.

Wer die Verbindung zum Selbst verliert, verliert nach Hannah Arendt auch die Bindung zu anderen Menschen. Täter, die sich der Einsicht in ihre Taten verweigern, haben die Brücken zur Verständigung unter Menschen abgebrochen. „Indem sie sturköpfig ein Niemand bleiben, erweisen sie sich als unfähig, mit anderen zu kommunizieren.“

Hannah Arendt will mit ihrem Buch keine Analyse der Shoah vorlegen. Ein Blick in das Selbst der Täter von damals reicht nicht aus, um das Ausmaß der Gewalt im Dritten Reich zu verstehen. Im Nachwort finden wir noch gute Gedanken dazu: „Die deutsche Geschichte hat das Böse in ein neues Licht gestellt. Die Frage nach den Ursprüngen dieses Neuen kann man aus dem Innenleben der Täter heraus indes nicht klären.“ Dazu müssen wir den Blick weiten. „Im Dritten Reich herrschte eine systemische Logik, die auf Gewalt und Vernichtung zielte. Und viele einzelne waren bereit, sich in diese Logik einzufügen.“

Persönliche Gedanken zum Schluss

Der Begriff „Das Böse“ scheint recht altmodisch zu sein, er fehlt in unserer Alltagssprache. Dabei ist er im Verhältnis zu seinem Gegensatz „Das Gute“, das wir ja alle kennen und mögen, doch sehr treffend. Vielleicht ist er zu religiös angehaucht. Stattdessen benutzen wir diverse Formulierungen, die im Grunde genommen auch das Böse meinen: Etwa, wenn wir rote Linien überschreiten. Oder in der Psychologie, wenn wir über den Schatten nachdenken. Milde Varianten des Bösen wären dann Fehler oder wenn etwas schlicht falsch ist.

Mir ist aufgefallen, dass in einigen meiner bisherigen Buchvorstellung unter der Hand schon immer polare Ansichten von Gut und Böse, von richtig und falsch thematisiert wurden. „Die Angst vor den anderen“ thematisiert den Gegensatz von Unterstützung und Panikmache. In „Spiegelungen der Seele“ finden wir den Gegensatz von Selbstreflexion und Projektion. Und „Die jüdische Wunde“ baut auf dem Gegensatz von jüdischem Leben und Antisemitismus auf.

Interessant erscheint mir im Nachhinein, wie der Autor Friedemann Schulz von Thun das Böse sieht. In der „Kommunikation als Lebenskunst“ gibt es im Wertequadrat immer den übersteigerten Wert, in diesem Sinne wäre Sparsamkeit gut, Geiz als übersteigerter Wert böse. Friedemann Schulz von Thun sagt nun, hier handelt es sich um ein des Guten zu viel. „Diese kleine Denkfigur setzt uns eine neue Brille auf, mit der wir Menschen betrachten können. Die Brille schärft den Blick dafür, dass sich auch in dem abgelehnten Unwert nicht etwas prinzipiell Schlechtes, Krankhaftes oder Böses verbergen muss, sondern dass es sich hier um eine Überdosierung handelt, die problematisch geworden ist.“

Der Übergang zwischen Gut und Böse ist fließend. Was würde Hannah Arendt dazu sagen? Ich weiß es nicht. An anderer Stelle spricht sie vom größten Bösen oder vom wurzellosen Bösen.

Sicher scheint mir eines: Es ist die Selbstreflexion, die Besinnung auf den eigenen bewussten Standpunkt, die uns helfen kann, menschlich zu bleiben. Und diese Selbsreflexion sollte die Standpunkte von anderen mit einbeziehen.

Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Hier gelesen in der 15. Auflage 2023.
ISBN 978-3-492-25063-4

Nach oben scrollen