Schloss Henriette

Heute bin ich nicht in Berlin, sondern fahre nach Sachsen-Anhalt in die Nähe von Halle. Dort gehe ich auf Entdeckungstour im Schloss Henriette, einem kleinen Adelshaus. In der DDR zieht hier ein Pflegeheim ein und bleibt bis in die neunziger Jahre.

Mein Tag beginnt früh morgens um sechs am Bahnhof Berlin Südkreuz, wo ich mit meinem Fahrrad in den ICE nach Halle steige. Von dort bringt mich ein Regionalzug fast bis zum Ziel, dem ehemaligen Schloss Henriette in Helmsdorf.

Ein Mitarbeiter vom Förderverein zur Erhaltung des Gebäudes ist anwesend und erklärt uns alles. Der Förderverein bewahrt das Haus vor Vandalismus und Verfall und hat auch Pläne für die Zukunft. Nach und nach werden historische Möbel in das Haus gestellt, vielleicht wird es eine kulturelle Nutzung geben. Für eine umfassende Restaurierung fehlt allerdings das Geld.

Lost Places – worin besteht ihr Reiz?

Natürlich frage ich mich, warum ich mich ausgerechnet für verlassene Gebäude interessiere und dort auch gerne fotografiere. Eine einfache Antwort darauf finde ich nicht. Es ist nicht der Nervenkitzel, denn den suche ich dort nicht. Und es ist auch nicht die Hoffnung, besonders außergewöhnliche Motive zu sammeln. Die Faszination liegt für mich woanders.

Ein altes, leerstehendes Gebäude erzählt auf seine eigene Weise vom Vergehen der Zeit. Anders als ein modernes Bauwerk verändert es sich sichtbar. Farbe blättert ab, Holz arbeitet, Pflanzen erobern sich ihren Platz zurück. Nichts davon geschieht plötzlich, sondern langsam und fast unbemerkt.

Was bleibt von einem Gebäude, wenn seine ursprüngliche Funktion verschwunden ist? Räume, die einst selbstverständlich genutzt wurden, wirken plötzlich ungewohnt. Türen führen noch immer in andere Zimmer, Treppen verbinden weiterhin die Stockwerke – und doch hat sich ihre Bedeutung verändert. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz.

Spuren der Vergangenheit

Beim Fotografieren versuche ich deshalb nicht, Verfall möglichst spektakulär darzustellen. Mich interessieren Licht, Strukturen und die Atmosphäre eines Raumes. Oft sind es kleine Details, die ein Bild ausmachen: ein Fenster, durch das das Tageslicht auf einen Stuhl fällt, übereinanderliegende Lagen von Tapeten, Zeitungspapier an der Wand, Spuren früherer Nutzung oder Materialien, die mit den Jahren eine neue Oberfläche bekommen haben.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich immer wieder solche Orte aufsuche. Sie laden dazu ein, genauer hinzusehen. Ohne Eile, ohne Inszenierung und ohne die Erwartung, eine eindeutige Geschichte zu finden. Nicht jeder Lost Place erzählt etwas Besonderes. Aber fast jeder bietet die Möglichkeit, einen Moment festzuhalten, der morgen schon wieder anders aussehen kann.

Nach dem Aufenthalt im Schloss Henriette fahre ich mit meinem Rad einen schönen Weg entlang der Saale bis nach Halle. Dort esse ich noch etwas und der letzte Zug bringt mich zurück nach Berlin.

Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß

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