Auf dem Programm stehen Vorträge, Zwiegespräche und Gesprächsrunden, vorgetragen und diskutiert von sogenannten Speakern. Sie kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Publizistik, und nicht alle stehen den Grünen nahe. Dieses Konzept der Vielfalt und Offenheit macht mich neugierig.
Veranstaltungszentrum statt Einzelhandel
Dort, wo in den neunziger Jahren das Kaufhaus Leffers stand, genau dort, wo ich mir damals meinen Hochzeitsanzug kaufte, befindet sich heute ein modernes Veranstaltungszentrum. Hier gibt es unterschiedlich große Säle, Gruppenräume, Pausennischen, Cafés und sogar eine Tischtennisplatte.
Das bunte Ambiente wirkt geschmackvoll und passt zum Charakter dieser Veranstaltung. Alle Räume werden gleichzeitig bespielt. Das Publikum folgt den eigenen Favoriten, hört zu, fragt nach, wechselt zwischen den unterschiedlichen Bühnen und den unterschiedlichen Blickwinkeln. Es ist kein Parteitag, sondern eher ein Basar der nachdenklichen Worte.
Die Speaker
Michel Friedman erscheint mit Personenschutz. Er warnt eindringlich vor der Zerstörung unserer Demokratie durch die „Partei des Hasses“, wie er sie nennt, ohne deren Namen zu erwähnen.
Ich bin gerührt und beeindruckt. Ein Mensch auf der Bühne, etwa in meinem Alter, redegewandt, nachdenklich, mutig und fordernd. Zum Abschluss seiner Rede stehen alle im großen Saal auf und applaudieren ihm minutenlang.
Ganz anders der bayerische Soziologieprofessor Armin Nassehi. Er versucht, den Rechtspopulismus nüchtern aus der deutschen Nachkriegsgeschichte heraus zu verstehen. In den 60er- und 70er-Jahren war die Zukunft offen, viele wollten etwas erreichen, was noch nicht existierte. Heute ist die Zukunft zu, es gibt keinen Fortschrittsglauben mehr.
Dieser Gedanke bleibt bei mir hängen. Vielleicht auch deshalb, weil Nassehi an anderer Stelle etwas in mir berührt, das weit zurückreicht. Er erzählt von Willy Brandt als dem einzigen linken Bundeskanzler, den es in Deutschland gegeben hat.
Ich war damals 15 Jahre alt, noch nicht wahlberechtigt, aber schon beeindruckt von der Persönlichkeit dieses Politikers. Ich denke, er hat bis heute meine politischen und sozialen Einstellungen beeinflusst.
Die Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf fordert mehr Generationengerechtigkeit ein. Das klingt zunächst plausibel. Aber als sie als einen Weg dorthin eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit vorschlägt, muss ich innerlich widersprechen.
Auch das gehört für mich zu dieser Veranstaltung: Zuhören, sich überzeugen lassen, aber ebenso feststellen, dass man an einem Gedanken nicht weiterkommt.
Meine Geschichte mit den Grünen
Warum bin ich heute bei den Grünen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.
Ende der siebziger Jahre lebe ich eine Zeitlang neben dem Atomkraftwerk Würgassen, wo ein Zwischenlager geplant wird. Ich werde Teil der örtlichen Initiativen, gemeinsam fahren wir auch nach Gorleben, um die Räumung des Hüttendorfes zu verhindern.
Nach dem Wegzug aus der Region und dem späteren Studium erlischt mein politisches Engagement, nicht aber mein politisches Interesse. Die Grünen erscheinen mir über viele Jahre hinweg als eine politische Kraft, die meinen Vorstellungen nahekommt. Und als in Deutschland Rechtspopulismus und Rechtsextremismus zu einer ernsthaften Gefahr werden, trete ich spontan bei ihnen ein.
Aber die Grünen, die ich jetzt vorfinde, sind nicht mehr die Grünen meiner Jugend. So sehe ich mich heute eher als eine interessierte Randfigur in dieser Partei. In dieser Rolle fühle ich mich ganz wohl und genieße es diesmal, den vielen eingeladenen Speakern zuzuhören.
Vielleicht ist gerade diese Distanz hilfreich. Ich muss nicht allem zustimmen, um aufmerksam zuzuhören.
Die Kraft des Zuhörens
Mir gefällt der Charakter dieser Veranstaltung: ein konzentriertes Zuhören im Publikum und auf der Bühne sowie ein respektvoller Umgang in den Gesprächen mit unterschiedlichen Meinungen. Die Speaker geben sich große Mühe, in ihren Vorträgen Spannung und Interesse am Thema aufzubauen. Es gibt keine langweiligen Grußworte wie so oft auf öffentlichen Veranstaltungen, keine Floskeln, kein Anbiedern. Das ist stark.
Gedanken, die persönlich vorgetragen werden, entfalten in mir eine andere Wirkung als Gedanken, die mir schriftlich vorliegen. Beim Lesen spreche ich gewissermaßen die Gedanken eines anderen Menschen nach. Beim persönlichen Vortrag hingegen höre und sehe ich den Menschen, die Quelle des Gedankens.
Mimik, Gestik, Betonung, Sicherheit und Unsicherheit – all dies bildet eine Einheit mit den inhaltlichen Gedanken. Daher ist ein Vortrag nicht so abstrakt wie ein gelesenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Er bietet auch mehr Überraschungen. Und störende Gedanken kann ich nicht einfach umblättern wie die Seite einer Zeitung.
Vielleicht ist genau das der Reiz eines solchen Gedankenraumes. Ich kann mich darin bewegen, von einer Bühne zur nächsten, von einem Gedanken zum nächsten. Manche Gedanken nehme ich mit, andere lasse ich zurück. Manchem möchte ich widersprechen, anderem länger nachgehen.
Gefahr von Rechtsaußen
Obgleich es an den zwei Tagen um vielfältige und sehr unterschiedliche Themen geht, bleibt doch die Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft durch Wahlerfolge des rechten Randes für mich das entscheidende Thema unserer Tage. Und diese Bedrohung überstrahlt in meiner Wahrnehmung sogar die gefährlichen Folgen der Erderwärmung.
Deshalb bleibt mir von diesem Wochenende vor allem die Stimme Michel Friedmans im Gedächtnis. Seine Rede war für mich der eindringlichste Moment dieser zwei Tage.
Und vielleicht ist das eine der Stärken dieses ungewöhnlichen Flanierens: Ich gehe nicht mit einer fertigen Antwort nach Hause. Ich habe Stimmen gehört, Gedanken aufgenommen, an manchen Stellen widersprochen und an anderen weitergedacht. Der Basar der nachdenklichen Worte bleibt noch eine Weile in meinem Kopf.










Vielen Dank für Ihr Interesse an meiner Fotografie und meinen Texten.
Erik Boß

